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Murmeltiere unter Beschuss: Wenn „Bestandsregulierung“ zur Rechtfertigung für die Jagd wird

  • 5 Min. Lesezeit

Mehr als 7.000 Murmeltiere (Marmota mormota) werden jedes Jahr in Österreich erschossen. Während die Klimaerhitzung den hoch spezialisierten Alpenbewohnern zusetzt, verteidigt die Jägerschaft die Abschüsse mit Bestandsregulierung, Schadensvermeidung und Wildtiermanagement. Doch wie überzeugend sind diese Argumente wirklich?

Sie gehören zu den bekanntesten Bewohnern der Alpen. Ihre Pfiffe begleiten Wandernde durch die Hochgebirgslandschaft, ihre ausgeprägten Familienverbände und ihr monatelanger Winterschlaf machen Murmeltiere zu faszinierenden Überlebenskünstlern.

Und trotzdem werden in Österreich jedes Jahr Tausende von ihnen erschossen.

Im Jagdjahr 2024/25 waren es laut der Jagdstatistik von Statistik Austria 7.143 Murmeltiere: 3.955 in Tirol, 1.730 in Salzburg, 871 in Kärnten, 389 in Vorarlberg, 196 in der Steiermark und zwei in Oberösterreich.

Das sind fast 20 getötete Murmeltiere pro Tag, wenn man die Jahreszahl auf 365 Tage umlegt – obwohl die tatsächliche Jagd natürlich auf wenige Wochen und Monate konzentriert ist.

Erst die Hitze – dann die Jagd

Alpenmurmeltiere sind keine gewöhnlichen Nagetiere. Sie sind Kältespezialisten und verbringen einen großen Teil ihres Lebens im Winterschlaf. Die wenigen Sommermonate sind entscheidend: In dieser Zeit müssen sie genügend Nahrung aufnehmen und Fettreserven anlegen, um den langen Winter zu überstehen.

Steigende Temperaturen können genau diese Strategie erschweren. Murmeltiere reagieren empfindlich auf Hitze und ziehen sich bei hohen Temperaturen in ihre kühlen Baue zurück. Damit verlieren sie wertvolle Zeit für die Nahrungsaufnahme.

Auch Veränderungen der Schneedecke können problematisch werden. Schnee ist für überwinternde Murmeltiere nicht nur Niederschlag, sondern Isolation. Eine dünnere oder instabilere Schneedecke kann dazu führen, dass Winterbaue stärker auskühlen.

Wir regulieren nur den Zuwachs

Am 26. August 2026 verteidigte der Spittaler Bezirksjägermeister Christian Angerer gegenüber MeinBezirk die Murmeltierjagd. Seine zentrale Aussage: Die Jagdgebiete würden ihre Bestände kennen und nur so viele Tiere entnehmen, wie durch den jährlichen Zuwachs hinzukämen. Eine Gefährdung der Bestände durch die Jagd könne er deshalb ausschließen.

Wenn jährlich Tausende Tiere mit der Begründung getötet werden, ihre Populationen würden dadurch nicht gefährdet, sollte die Datengrundlage für diese Behauptung öffentlich nachvollziehbar sein.

Wo sind die flächendeckenden aktuellen Bestandszahlen? Wie groß sind die Populationen in den einzelnen Jagdgebieten? Wie werden Geburtenrate und natürliche Mortalität ermittelt? Wie werden Auswirkungen außergewöhnlich heißer Sommer berücksichtigt? Wie wird überprüft, welche Tiere innerhalb einer Familiengruppe geschossen werden?

Und wie verändert die Klimakrise die langfristige Tragfähigkeit der einzelnen Lebensräume?

Abschusszahlen sind keine Bestandszahlen.

Aus der Tatsache, dass über Jahrzehnte dokumentiert wurde, wie viele Murmeltiere geschossen wurden, lässt sich allein noch nicht zuverlässig ableiten, wie viele Tiere tatsächlich vorhanden sind. Wer eine nachhaltige Entnahme wissenschaftlich begründen möchte, braucht belastbare Populationsdaten.

Der Winter reguliert die Population – ganz ohne Gewehr

Die Behauptung, Murmeltiere müssten durch die Jagd „reguliert“ werden, lässt einen entscheidenden Faktor außer Acht: Die Natur reguliert Murmeltierpopulationen bereits selbst – und zwar mitunter drastisch.

Besonders für Jungtiere kann der erste Winterschlaf zur entscheidenden Überlebensprobe werden; unter ungünstigen Bedingungen kann die Wintermortalität sehr hoch sein und Größenordnungen von bis zu 90 Prozent erreichen.

Nahrungsverfügbarkeit, Fettreserven, Dauer und Härte des Winters sowie die Zusammensetzung der Familiengruppe bestimmen wesentlich, wie viele Tiere das Frühjahr erleben. Dass eine Murmeltierpopulation nicht zwangsläufig eine jagdliche „Regulierung“ benötigt, zeigt auch Bayern: Dort ist das Alpenmurmeltier ganzjährig geschont und darf regulär nicht bejagt werden – dennoch werden seine Bestände durch natürliche Faktoren begrenzt.

Hinzu kommen evolutionsbiologische Prozesse, auf die die Jagd keinen regulierenden Einfluss hat: Krankheiten und Parasiten, Konkurrenz, Fortpflanzungserfolg und natürliche Sterblichkeit wirken als Selektionsfaktoren innerhalb einer Population.

Ausgerechnet die „starken“ Tiere als Trophäe?

Wer ein dominantes Männchen schießt, greift in eine ganze Familie ein. Bei Murmeltieren stellt sich deshalb nicht nur die Frage: Wie viele Tiere werden geschossen – sondern welche?

Alpenmurmeltiere leben in eng organisierten Familienverbänden von etwa zwei bis 20 Tieren, bestehend aus einem dominanten, reproduzierenden Paar, weiteren erwachsenen Tieren, Einjährigen und Jungtieren. Die Fortpflanzung konzentriert sich stark auf die dominanten Tiere, während auch untergeordnete Männchen eine wichtige Funktion übernehmen können: Beim gemeinsamen Winterschlaf helfen zusätzliche erwachsene Tiere, die Jungtiere warm zu halten, und können damit deren Überlebenschancen erhöhen.

Wie empfindlich dieses soziale Gefüge ist, zeigt eine 14-jährige Untersuchung freilebender Alpenmurmeltiere im Nationalpark Berchtesgaden. Die Forschenden stellten fest, dass der Wechsel eines dominanten territorialen Männchens gravierende Folgen für die Fortpflanzung haben kann. Übernahm ein neues Männchen die Gruppe nach der Paarungszeit, konnte die Fortpflanzung des dominanten Weibchens ausfallen; die Ergebnisse sprechen dafür, dass bestehende Schwangerschaften dabei unterbrochen werden können.

Das macht die gezielte Jagd auf besonders große, „starke“ Männchen umso fragwürdiger: Der Abschuss eines einzelnen Tieres kann biologisch weit mehr bedeuten als lediglich „ein Murmeltier weniger“ in der Abschussstatistik.

Er kann in die Sozialstruktur, die Fortpflanzung (Genetik) und möglicherweise sogar in die Überlebenschancen des Nachwuchses einer ganzen Familiengruppe eingreifen.

Offiziellen Jagdrichtlinien der Steiermark schreiben Rücksicht auf die Familienstruktur zwingend vor, allerdings gibt es in der Praxis eine spürbare Diskrepanz zwischen Theorie und Realität.

Grünland, Liftstützen und Speicherteiche

Die Jägerschaft führt noch ein weiteres Argument an: Schäden.

Im Bezirk Spittal gebe es Gebiete, in denen Murmeltiere Grünlandflächen so stark beeinträchtigten, dass deren Bewirtschaftung erschwert werde. Angerer nennt außerdem einen besonders spektakulären Fall: Murmeltiere hätten ihre Baue im Damm eines Speicherteichs eines Skigebiets angelegt. Auch Liftstützen würden untergraben, wodurch sogar die Sicherheit von Menschen gefährdet werden könne.

Ein Murmeltierbau an einer sicherheitsrelevanten Liftstütze ist ein lokales Problem. Eine österreichweite Jagd auf Tausende Tiere ist eine Managemententscheidung.

Wenn tatsächlich Infrastruktur gefährdet ist, muss man zunächst fragen, wo solche Konflikte auftreten, wie häufig sie vorkommen und ob nicht-letale Maßnahmen möglich sind. Erst danach lässt sich seriös beurteilen, ob eine Tötung im konkreten Fall notwendig und verhältnismäßig ist.

Der Hinweis auf einzelne Problemfälle darf jedenfalls nicht zum pauschalen Freibrief für eine großflächige Freizeitjagd werden.

Quellen:

Are extra-pair young better than within-pair young? A comparison of survival and dominance in alpine marmot https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/j.1365-2656.2007.01253.x?utm_source=chatgpt.com

Preleuthner, Monika & Zeiler, Hubert (1999): Murmeltiere: Mankei, Murmandl, Munggen. Innsbruck: Tyrolia-Verlag. ISBN 978-3-7022-2145-3.

Großfamilien mit Männerüberschuss: https://www.vetmeduni.ac.at/fileadmin/v/fiwi/Publikationen/Populaerwissenschaftliche/Arnold_2013_JiB_8_13_Murmelbiologie.pdf

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