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Muss der Goldschakal zum Schutz des heimischen Wildes bejagt werden?

  • 5 Min. Lesezeit

Kritik an Aussagen der Kärntner Jägerschaft

Kärnten, 3. Oktober 2026 – Gegenüber ORF Kärnten begründet der Geschäftsführer der Kärntner Jägerschaft die Bejagung des Goldschakals damit, dass dieser eine gesetzliche Schusszeit habe und „zum Schutze des heimischen Wildes“ bejagt werde. Der Goldschakal sei ein „Zuwanderer, der dem heimischen Wild massiv zusetzt und sich unkontrolliert in ganz Kärnten massiv verbreitet“.

Diese Darstellung greift aus ethischer, artenschutzrechtlicher und populationsbiologischer Sicht zu kurz.

Winkelmayer: Nicht wider besseres Wissen auf Schusszeit berufen

Der pensionierte Amtstierarzt, Tierethiker und Wildtierexperte Dr. Rudolf Winkelmayer kritisiert insbesondere die Berufung auf die formale Kärntner Schusszeit:

„Wenn bekannt ist, dass die Schusszeit moralisch, ökologisch und europarechtlich nicht rechtens ist, sollte man sich auch nicht wider besseren Wissens formal darauf berufen.“

Das Landesverwaltungsgericht Kärnten hatte bereits am 17. März 2026 festgestellt, dass die Jagdzeit vom 1. Oktober bis 15. März nicht rechtskonform erlassen wurde.

Der Goldschakal ist geschützt und in Anhang V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) gelistet. Die Population wurde im aktuellen österreichische Bericht nach Art. 17 FFH-Richtlinie mit „not evaluated“ (NE) eingestuft. Eine Tötung muss daher mit der Erreichung eines günstigen Erhaltungszustandes vereinbar sein, darf nur unter sehr strengen Ausnahmebedingungen erfolgen und darf keinesfalls pauschal erfolgen.

Der Goldschakal breitet sich auf natürliche Weise aus

Auch die Bezeichnung als „Zuwanderer“ bedarf einer Einordnung. Der Goldschakal breitet sein Verbreitungsgebiet auf natürlichem Weg von Südosteuropa nach Mittel-, West- und Nordeuropa aus.

Die Universität für Bodenkultur (BOKU) und das Goldschakalprojekt Österreich weisen ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um eine invasive, eingeschleppte Art, sondern um einen natürlichen Ausbreitungsprozess handelt.

Laut Hatlauf et al. (2021) gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise auf negative ökologische Auswirkungen des Goldschakals.

„Unkontrollierte Verbreitung“ widerspricht populationsbiologischen Grundlagen

Besonders kritisch sieht Winkelmayer die verwendete Formulierung von einer „unkontrollierten, massiven“ Verbreitung:

„Das stimmt aus biologischer Sicht einfach nicht, da sie limitierende populationsdynamische Faktoren der Selbstregulierung einer Population einfach außer Acht lässt.“

Nahrung, verfügbarer Lebensraum, Territorialität, inner- und zwischenartliche Konkurrenz, Krankheiten, Parasiten, Mortalität und Fortpflanzungserfolg wirken als begrenzende Faktoren. Bei steigender Dichte wirken verschiedene dieser Faktoren stärker. Hinzu kommen die ausgeprägte Sozialstruktur: Territoriale Paare verteidigen ihre Gebiete gegenüber fremden Goldschakalen.

Auch die Vorstellung, eine stärkere Bejagung führe automatisch zu einer entsprechend kleineren Population, ist populationsbiologisch nicht korrekt. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Entwicklung der Goldschakalpopulation in Ungarn weisen auf mögliche kompensatorische Reaktionen auf hohe Mortalität hin.

Was frisst der Goldschakal tatsächlich?

Auch das Bild eines auf Rehe, Hasen und anderes jagdbares Wild spezialisierten Räubers entspricht nicht seiner bekannten Nahrungsökologie. Der Goldschakal ist ein opportunistischer Nahrungsgeneralist und Allesfresser. Der Nahrungserwerb des Goldschakals ähnelt dem des Fuchses.

Untersuchungen von Mageninhalten österreichischer Goldschakale durch die Goldschakalforscherin Jennifer Hatlauf fanden neben tierischer Nahrung vor allem pflanzliche Bestandteile. Werden Reste von Reh oder Wildschwein in einem Goldschakalmagen gefunden, beweist das nicht automatisch, dass der Goldschakal dieses Tier getötet hat. Goldschakale sind auch Aasverwerter und nutzen Fallwild sowie Reste erlegter Tiere.

Ökologisch erfüllt der Goldschakal damit verschiedene Funktionen gleichzeitig: Er ist Prädator, Aasverwerter und Konkurrent anderer Beutegreifer wie des Fuchses und Wolfes.

Jagdstatistik in Kärnten und Empfehlung der Wissenschaft

Schließlich setzt auch ein Blick auf die Jagdstatistik von Statistik Austria die Debatte in Relation.

Im Jagdjahr 2024/25 wurden allein in Kärnten 25.305 Rehe, 10.757 Hirsche, 3.499 Gämsen, 827 Hasen, 871 Murmeltiere, 217 Birkhähne, 15 Rebhühner, 1702 Wildenten und 7.356 Füchse jagdlich erlegt. Österreichweit wurden rund 725.300 Wildtiere durch Jäger getötet. Für Kärnten wurden im selben Jagdjahr 87 getötete Goldschakale berichtet.

Auch diese Zahlen zeigen, dass die behauptete Bedrohung quantifiziert werden muss. Zumal auch beim Goldschakal ein FFH-konformes Monitoring fehlt.

Hatlauf et al. (2021) halten dazu fest: “Wir stellten erhebliche Unterschiede fest – nicht nur zwischen den Bundesländern, sondern auch zwischen direkten Nachbarländern –, die Bemühungen um einen grenzüberschreitenden Artenschutz behindern und zu Komplikationen beim Management dieser Art führen. Verbesserte Verfahren zur Erfassung von Nachweisen und Streckendaten (Jagdstrecke) scheinen für die künftige Beurteilung der Art auf europäischer Ebene und das Management auf lokaler Ebene notwendig.

Wir empfehlen ein einheitlicheres Rechtssystem, […], sowie eine gemeinsame Bewertung oder ähnliche Managementstrategien, um Konflikte zu minimieren, Bejagung zu reduzieren und rechtliche Verpflichtungen zu klären.”

Quellen:

ORF Kärnten: Streit um Goldschakal-Jagd in Kärnten. https://kaernten.orf.at/stories/3373594/

Hatlauf, J.; Bayer, K.; Trouwborst, A.; Hackländer, K. (2021): New rules or old concepts? The golden jackal (Canis aureus) and its legal status in Central Europe. European Journal of Wildlife Research 67, 25. https://link.springer.com/article/10.1007/s10344-020-01454-2

Goldschakalprojekt Österreich: https://www.goldschakal.at/home/

BOKU: Forschung und Publikationen zur Ausbreitung und Nahrungsökologie des Goldschakals. https://boku.ac.at/oekb/wild/berichte-und-gutachten/boku-berichte-zur-wildtierforschung

Statistik Austria: Jagdstatistik, Jagdjahr 2024/25.https://www.statistik.at/fileadmin/publications/SB_1-11-Jagdstatistik-Jagdjahr-2024_2025-rev.pdf

Landesverwaltungsgericht Kärnten: Entscheidung zur Kärntner Jagdzeitenregelung für den Goldschakal, März 2026.https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Lvwg/LVWGT_KA_20260317_KLVwG_610_18_2025_00/VWGT_KA_20260317_KLVwG_610_18_2025_00.pdf

Schumacher et al. (2026): „Anforderungen des Europäischen Artenschutzes für Arten nach Anhang V FFH-RL“ Rechts- und wildtierökologisches Gutachten zu den Voraussetzungen für Entnahmen von Anhang-V-Arten.

Weltweit umfangreichste Buch zu einem neuen Wildtier vor unserer Haustüre: „Der Goldschakal“ https://boku.ac.at/universitaetsleitung/rektorat/stabsstellen/oeffentlichkeitsarbeit/themen/presseaussendungen/presseaussendungen-2025/17092025-weltweit-umfangreichste-buch-zu-einem-neuen-wildtier-vor-unserer-haustuere-der-goldschakal

Bijl, H., Schally, G., Márton, M., Heltai, M. & Csányi, S. (2024): From invaders to residents: The golden jackal (Canis aureus) expansion in Hungary since the mid-1990s. PLOS ONE 19. DOI: 10.1371/journal.pone.0306489. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0306489&utm_source=chatgpt.com

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