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Tirols Herdenschutz-Projekte: Vertrauen bleibt auf der Strecke

  • 7 Min. Lesezeit

Fünf Jahre Arbeit, drei Projektalmen und mehr als eine Million Euro öffentliche Unterstützung: Die Tiroler Herdenschutz-Projekte sollten Fakten für eine emotional geführte Debatte liefern. Ende Juli steht jedoch ein ungelöster Widerspruch über die als „final“ veröffentlichten Berichte im Raum.

Gerade erst stellte sich die Meldung über den angeblichen Angriff eines Wolfs auf ein Kind in der Toskana als falsch heraus. Der Fall zeigt, wie schnell sich beim Thema Wolf zugespitzte Darstellungen verbreiten – und wie wichtig überprüfbare Fakten sind.

Auch bei den Tiroler Herdenschutz-Projekten geht es inzwischen um die Verlässlichkeit veröffentlichter Informationen. Das Land Tirol bezeichnet drei Prozessbegleitungsberichte als „finale Version“. Auf der Website der fachlichen Projektbegleitung steht dagegen weiterhin, diese seien ohne Absprache um wesentliche Inhalte reduziert worden.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel bewertet keine Position für oder gegen Herdenschutz. Gegenstand sind die Glaubwürdigkeit der veröffentlichten Projektdokumentation und der entstandene Vertrauensverlust.

Mehr als ein Herdenschutzversuch

Auf der Spisser Schafberg-Alm und der Lader Heuberg-Alm begannen die Projekte 2021, auf der Verwall-Alm 2022.

Erprobt wurden gelenkte Weideführung, ständige Behirtung, Hütehunde, gesicherte Übernachtungsplätze und teilweise Herdenschutzhunde. Untersucht wurden außerdem Tiergesundheit, Gewichtsentwicklung, Tierverluste, Bewegungsmuster, Arbeitsaufwand, Vegetation und Wirtschaftlichkeit.

Es ging daher nicht nur um Zäune oder Hunde, sondern um eine umfassende Veränderung der Schafalpung.

Unterschiedliche Bewertungen

Die Verantwortlichen der Projektalmen verwiesen in späteren Jahren auf stabilere Abläufe, bessere Tierbetreuung und ausgebliebene Risse. Die Berichte für 2025 führen auf allen drei Projektalmen keine Risse an den geschützten Schafen an.

Kritiker wie Elmar Monz, Bauernbundobmann-Stv. Bezirksbauernobmann Landeck, Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins, betonten dagegen Tierbelastungen im schwierigen ersten Projektjahr, Personalprobleme, hohe Kosten und die begrenzte Übertragbarkeit auf andere Almen.

Die Positionen betreffen unterschiedliche Fragen: Kann das Modell auf geeigneten Almen funktionieren? Und kann es dauerhaft sowie in größerem Umfang finanziert und personell umgesetzt werden?

Für beide Fragen sind vollständige und verlässliche Berichte entscheidend.

Mehr als 1,1 Millionen Euro bis 2023

Das Land Tirol ist Fördergeber, Projektträger, Auftraggeber und Veröffentlichungsstelle. Zugleich verwendet es die Projektergebnisse in der politischen Debatte über Herdenschutz und Wolfsmanagement.

2021 wurden die Projekte mit knapp 380.000 Euro unterstützt, 2022 mit 290.000 Euro und 2023 mit 444.000 Euro. Damit wurden bereits in diesen drei Jahren mehr als 1,1 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln eingesetzt. Weitere Förderungen folgten.

Finanziert wurden unter anderem Hirtenpersonal, Unterkünfte, Hunde, Infrastruktur und Tiergesundheitsmaßnahmen. Hinzu kommen fünf Jahre Arbeit von Almverantwortlichen, Hirten, Tierärzten, landwirtschaftlichen Betrieben und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Zunächst ein schwerer Vorwurf

Ein früherer, von der Redaktion gesicherter Screenshot der Website der fachlichen Projektbegleitung enthielt deutlich schärfere Formulierungen als die heute abrufbare Fassung.

Darin wurden die Veränderungen unmittelbar dem Land Tirol zugerechnet und als eigenmächtige Abänderung und Manipulation bezeichnet. Genannt wurden das Herausnehmen, Ausschneiden und Verschieben von Inhalten sowie eine fehlende Kennzeichnung der Veränderungen.

Der Screenshot dokumentiert diesen damaligen öffentlichen Vorwurf. Ob der Begriff „Manipulation“ rechtlich oder wissenschaftlich zutrifft, lässt sich daraus allein nicht ableiten.

Die zunächst veröffentlichte Fassung enthielt weitreichende Vorwürfe. Der Text wurde später geändert.

Abgeschwächt, aber nicht zurückgenommen

Später wurden die Begriffe „Manipulation“ und „eigenmächtig“ sowie die direkte Zuschreibung an das Land entfernt.

Der Kern der Aussage blieb online:

„Die drei nun veröffentlichten Prozessbegleitungsberichte zu den Einzelalmen wurden ohne Absprache mit uns Autoren um wesentliche Inhalte reduziert.“

Auf derselben Seite steht, der ausführliche Abschlussbericht zu den Projektjahren 2021 bis 2025 sei im Februar 2026 „aus Autorensicht finalisiert und abgegeben“ worden. Veröffentlicht ist er Ende Juli weiterhin nicht.

Der Hinweis war am 23. Juli 2026 um 23.43 Uhr noch öffentlich abrufbar.

In der aktuellen Fassung fehlen die schärfsten Begriffe. Die Aussage über die Reduktion um wesentliche Inhalte blieb bestehen.

Auf Nachfrage bestätigt

Auf Nachfrage wurde die aktuelle Aussage präzisiert:

„Die Einzelberichte wurden auch nicht ‚wesentlich gekürzt‘, sondern es wurden ‚wesentliche Inhalte‘ gekürzt (was sich aber nicht auf die Menge bezieht).“

Gemeint ist damit nicht der Umfang der Änderungen, sondern die Bedeutung der entfernten Inhalte.

Zudem wurde mitgeteilt, dass sich die offenen Fragen mit dem Land Tirol als Auftraggeber in einem rechtlichen Klärungsprozess befänden. Zu Inhalt, Stand und möglichem Ausgang liegen der Redaktion keine weiteren Informationen vor.

Für frühere Projektjahre wurde ausdrücklich erklärt, dass die Veröffentlichungen im Einvernehmen aller Beteiligten erfolgt seien. Der aktuelle Konflikt betrifft daher die Berichte des Projektjahres 2025 und den nicht veröffentlichten Abschlussbericht.

„Finale Version“ unter Vorbehalt

Die drei vom Land veröffentlichten Prozessbegleitungsberichte für 2025 tragen ausdrücklich den Vermerk „finale Version“.

Die Berichte zur Spisser Schafberg-Alm und zur Lader Heuberg-Alm sind mit 31. Jänner 2026 datiert, jener zur Verwall-Alm mit 5. Februar 2026. Das Land Tirol wird jeweils als Auftraggeber ausgewiesen.

Damit besteht ein ungelöster Widerspruch:

Das Land veröffentlicht die Dokumente als finale Berichte. Die fachliche Projektbegleitung erklärt öffentlich, diese Fassungen seien ohne Absprache um wesentliche Inhalte reduziert worden.

Dadurch stehen die Dokumente als vollständige und abschließend abgestimmte Endfassungen infrage. Unbekannt ist, ob methodische Erläuterungen, Einschränkungen, wirtschaftliche Bewertungen, Schlussfolgerungen oder Empfehlungen betroffen sind.

Der Vorbehalt gilt in beide Richtungen. Wer die Berichte als Beleg für funktionierenden Herdenschutz verwendet, muss wissen, ob Einschränkungen fehlen. Wer daraus hohe Kosten oder begrenzte Umsetzbarkeit ableitet, muss ebenso wissen, ob Differenzierungen nicht übernommen wurden.

Vertrauensverlust

Die Arbeit auf den Almen verliert durch den Konflikt nicht ihren Wert. Die veröffentlichten Berichte sind jedoch die Verbindung zwischen dieser Arbeit und der Öffentlichkeit. Für Letztere ergeben sich offene Fragen.

Wenn die fachliche Projektbegleitung erklärt, dass als final bezeichnete Dokumente ohne Absprache um wesentliche Inhalte reduziert wurden, kann die Öffentlichkeit diese nicht mehr vorbehaltlos als vollständige Endfassungen behandeln.

Der Schaden betrifft deshalb nicht nur drei PDF-Dateien. Er fällt auf das gesamte Projekt zurück.

Mehr als 1,1 Millionen Euro allein bis 2023, weitere Förderungen und fünf Jahre praktische sowie wissenschaftliche Arbeit sollten eine belastbare Grundlage für die Debatte schaffen. Stattdessen bleibt am Projektende die Frage, welcher Fassung vertraut werden kann.

Mag. Monika Schertler, Obfrau-Stellvertreterin der ANCA, dazu:

„Ich würde diesen Dokumenten derzeit nicht mehr vorbehaltlos vertrauen. Mich macht traurig, wie nachlässig gerade beim Wolf mit Fakten umgegangen wird – sowohl in Medienberichten als auch nun erneut in offiziellen Projektberichten. Wenn selbst bei einem millionenschweren Projekt unklar bleibt, ob die veröffentlichten Endberichte vollständig und abgestimmt sind, geht Vertrauen verloren. Das erschwert jede sachliche Lösung und belastet die gesamte Debatte zusätzlich.“

Quellen

  1. Il Fatto Quotidiano: Ursprünglicher Bericht über den angeblichen Wolfsangriff auf ein KindAttachment.png
  2. Il Fatto Quotidiano: Spätere Klarstellung – kein Angriff auf das KindAttachment.png
  3. Land Tirol: Herdenschutz-Pilotalmprojekte – Zielsetzung, Untersuchungsbereiche und BerichteAttachment.png
  4. Land Tirol: Jahresbericht 2021 – knapp 380.000 Euro für die PilotprojekteAttachment.png
  5. Land Tirol: Jahresbericht 2022 – 290.000 Euro für die PilotprojekteAttachment.png
  6. Land Tirol: Jahresbericht 2023 – 444.000 Euro für die PilotprojekteAttachment.png
  7. Tiroler Tageszeitung: Unterschiedliche Positionen zur Fortführung der ProjekteAttachment.png

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