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Sehr geehrte Journalistinnen und Journalisten,
anlässlich der morgigen Vorstellung der Studie „Lebensraum Wolf“ von Prof. Dr. Fritz V. Hackländer stellen wir Ihnen begleitend ausgewählte Hintergrundinformationen und überprüfbare Fakten bereit. Ziel dieser Zusammenstellung ist es, die öffentliche Diskussion mit einer faktenbasierten Grundlage zu unterstützen.
In der Debatte rund um den Wolf werden wissenschaftliche Ergebnisse häufig selektiv interpretiert oder verkürzt wiedergegeben. Wir möchten mit dieser Faktenübersicht sicherstellen, dass die Aussagen der Studie im richtigen Kontext verstanden und die zugrundeliegenden Daten nachvollziehbar eingeordnet werden können.
Unsere Rolle als Fact-Checker ist es, zur sachlichen Einordnung beizutragen und eine transparente, ausgewogene Berichterstattung zu fördern – auf Basis der vollständigen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Deshalb haben wir alle Zitate mit Seitenangabe versehen und Ihnen die vollständige Studie vorab zur Verfügung gestellt.
BOKU-Studie „Lebensraum- und Konfliktpotenzialmodell für den Wolf in Österreich (2025)“ Die Studie wurde im Rahmen der Bund-Länder-Kooperation mit Mitteln des BMLUK und der Landesagrarabteilungen finanziert.
Kurzüberblick
Die Studie liefert Modelle für Lebensraum‑, Riss‑ und Konfliktpotenziale als datengestützte Grundlage für das Wolfsmanagement – ohne FCS‑Berechnung oder „Ausschlusszonen“.
Zitat:
„Ziel des Projekts war die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Modelle, die das Lebensraumpotenzial und das Konfliktpotenzial von Wölfen in Österreich darstellen.“ (S. 5)
Österreich verfügt besonders in den Alpenregionen über große Flächen mit hohem Lebensraumpotenzial; Treiber sind u. a. hoher Waldanteil und geringe Störung.
Zitate:
„Die Ergebnisse zeigen, dass Österreich über große Flächen mit hohem Lebensraumpotenzial verfügt, insbesondere in den Alpenregionen.“ (S. 5
„Hauptfaktoren … höhere Waldbedeckung (im Umkreis von 1200 m) und geringer menschlicher Störung …“ (S. 51)
Die Rissanfälligkeit hängt stark mit ungeschützten Nutztieren (v. a. Schafen) zusammen; westliche Bundesländer zeigen höhere Riss- und Konfliktpotenziale.
Zitate:
„Das Vorhandensein von Nutztieren im Speziellen Schafen ist der stärkste Prädiktor …“ (S. 55)
„Von höherem Konfliktpotenzial sind demnach Vorarlberg, Tirol, Kärnten und Salzburg betroffen …“ (S. 60)
Die Studie empfiehlt ausdrücklich: Hot‑Spot‑Priorisierung, wirksamer Herdenschutz (mit Förderung), interoperables Monitoring und partizipative Prozesse mit den betroffenen Gruppen. (S. 82–84)
Zitat
„Priorisierung von Maßnahmen in ‚Hot‑Spot‘‑Gebieten: In Regionen mit hohem Lebensraumpotenzial und hohem Konfliktpotenzial sollten präventive Maßnahmen wie Herdenschutz, Entschädigungszahlungen und Öffentlichkeitsarbeit priorisiert werden.“ (S. 82-84).
Konkrete Empfehlungen der Studie
Maßnahmen müssen dort priorisiert werden, wo es am meisten bringt („Hot‑Spots“). Die Studie empfiehlt nachdrücklich Prävention (Herdenschutz), Entschädigungen und Öffentlichkeitsarbeit zuerst in Regionen mit gleichzeitig hohem Lebensraum‑ und Konfliktpotenzial umzusetzen.
Zitat: „Priorisierung von Maßnahmen in ‚Hot‑Spot‘‑Gebieten: In Regionen mit hohem Lebensraumpotenzial und hohem Konfliktpotenzial sollten präventive Maßnahmen wie Herdenschutz, Entschädigungszahlungen und Öffentlichkeitsarbeit priorisiert werden. Dies könnte dazu beitragen, Konflikte zu minimieren und die Akzeptanz für den Wolf zu erhöhen.“ (S. 82)
Bundesweit und grenzüberschreitend einheitlichesMonitoring –
Die Studie fordert standardisierte Datenerhebung (SCALP), Koordination zwischen Bundesländern und Nachbarstaaten mit dem Ziel ein bundesweites, interoperables Monitoringsystem zu haben. Derzeit existiert ein solches nicht.
Zitat:
„Nur durch die kontinuierliche und qualitätsgesicherte Erhebung … lassen sich etwa territoriale Tiere zuverlässig von Dispersern unterscheiden.“ (S. 81–82
„Der Austausch mit Nachbarländern – insbesondere mit Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien – ist essenziell …“ (S. 82
„Langfristig wäre die Etablierung eines bundesweiten, interoperablen Monitoringsystems wünschenswert, welches sowohl wildbiologische als auch sozioökonomische Aspekte integriert.“ (S. 82)
Herdenschutz als Schlüssel – aber praktisch umsetzbar machen. Die Studie stellt feest, dass Herdenschutz wirkt, aber es braucht politische/finanzielle Unterstützung, muss praxisgerecht und evaluiert sein denn Entschädigungen allein reichen nicht.
Zitat:
„Ein vielfältiger Werkzeugkasten ist nötig … Herdenschutzhunde, Elektrozäune oder Nachtpferche … essentiell und erfordern politische und finanzielle Unterstützung. Entschädigungszahlungen allein … bieten meist keinen ausreichenden Anreiz zur Prävention.“ (S. 83)
„Äußere Rahmenbedingungen … können eine erhebliche Hürde darstellen … Es bedarf daher eines integrierten Ansatzes, der nicht nur finanzielle, sondern auch organisatorische und gesellschaftliche Unterstützung umfasst …“ (S. 77)
„Die Wirksamkeit von Herdenschutzmaßnahmen sollte systematisch analysiert werden, um deren Akzeptanz und Umsetzung zu evaluieren und zu fördern.“ (S. 8)
Partizipation statt „Top‑down“
Wichtig laut Studie ist die Entscheidungskraft und Mitsprache für ländliche Akteure, denn Top‑down‑Ansätze sind nicht zielführend.
Zitate:
„Im Sinne der Mensch‑Wildtier‑Koexistenz ist es zielführend, der ländlichen Bevölkerung Entscheidungskraft zu geben … und sie in Entscheidungsprozesse einzubeziehen …“ (S. 84)
„Eine lediglich ‚top‑down‘ erzwungene Strategie ist nicht zielführend … Eine alleinige Anhörung … ist … nicht ausreichend, solange nicht auch eine Entscheidungsgewalt gewährt wird.“ (S. 84)
Politikfelder zusammendenken – Koexistenz ist mehrdimensional. Österreich muss endlich Ökologische, rechtlich‑politische und soziale Dimensionen gemeinsam betrachten, Kapazitätsbildung und lokale Anpassungen sind Teil der Lösung.
Zitat:
„Eine nachhaltige Koexistenzkann besser gelingen,wenn ökologische, rechtlich‑politische sowie soziale Dimensionen gemeinsambetrachtet und integriert werden …Kapazitätsbildung, Schadensverhinderung und lokale Anpassungen…“ (S. 83)
Herdenschutz – was genau die Studie zur Rolle der Entschädigung sagt
Die Studie stellt klar fest, dass Ex‑post‑Risszahlungen nur mit Mindest‑Schutzstandards – sonst gibt es einen geringerer Präventionsanreiz.
Zitat:
„Die Zahlung einer nachträglichen Entschädigungszahlungen bei Schäden sollte generell als der am wenigsten wünschenswerte aller ‚Finanzierungsmechanismen‘ angesehen werden. Wenn eine so genannte ‚Ex‑post‑Entschädigung‘ gezahlt wird, dann sollte es […] klare Anforderungen für ein Mindestmaß an wirksamen Schutzmaßnahmen innerhalb des Nutztierhaltungssystems geben.“ (S. 79).
Wichtige Einflüsse Riss‑ und Konfliktpotenzial
Wichtig für die Rissanfälligkeit ist die Distanz zu Offenland/Weide, Anzahl der ungeschützten Tiere, Gewässertypen, Straßendichte.
Zitate:
„Mit zunehmender Distanz zu Offenland [nimmt die Anfälligkeit ab] …“ (S. 57)
„… mit zunehmender Distanz zu Weide eine abnehmende Rissanfälligkeit anzunehmen.“ (S. 58)
„Nähe zu großen Wasserläufen reduziert … Nähe zu kleinen Wasserläufen erhöht [das Risiko].“ (S. 58)
„Bei höherer Straßendichte könnte die Rissanfälligkeit geringer sein.“ (S. 58)
Nützliche Verweise im Dokument
- Grafische Gesamtübersicht (4‑teilige Modell‑Skizze): S. 6–7.
- Lebensraumpotenzial – Karte: S. 52 (Abb. 8).
- Risspotenzial – Karte: S. 56 (Abb. 9).
- Konfliktpotenzial – Karte: S. 60 (Abb. 11).
- Kombinationsmodell – Matrix/Farbkodierung: S. 48 (Abb. 7); Hot‑Spot‑Karte: S. 67 (Abb. 14).
Fazit für Ihre Berichterstattung
- Datengrundlage statt Politikformel: Die Studie liefert Modelle für Lebensraum‑, Riss‑ und Konfliktpotenziale; keine FCS‑Bewertung, keine Ableitung „wolfsfreier Zonen“ im Projektscope (S. 5).
- Raumlogik zählt: Eignung v. a. in den Alpen; Konflikte konzentrieren sich in weidegeprägten Regionen im Westen; „Hot‑Spots“ dienen der Priorisierung von Herdenschutz und Kommunikation (S. 6–7, 59–63, 82).
- Herdenschutz ist Schlüssel: Förderkulissen, Praxis‑Hürden und regionale Unterschiede entscheiden über Wirkung; Ex‑post‑Rissentschädigungen ohne Mindestschutz gelten als am wenigsten wünschenswert (S. 77–79, 83, 106–107).
- Transparenz & Monitoring: Ein interoperables, bundesweites Monitoring und offene Daten entsprechend der Vorgaben der EU verbessern Akzeptanz und Steuerung (S. 82).
- Einordnung der Ergebnisse: Die Modelle sind eine Momentaufnahme; Dynamiken und gesellschaftliche Faktoren müssen weiter erhoben werden (S. 8).
Hinweis zur Zitierweise: Alle obigen Zitate sind verbatim wiedergegeben; die Seitenzahlen beziehen sich auf das im PDF ausgewiesene Seitenlayout („X von 123“). Volltext und Grafiken: LeKoWolf Endbericht, Stand 30.08.2025. |