Zum Inhalt springen
Home » Herdenschutz auf Österreichs Almen: Neue Studie zeigt, dass Schutz und Schadensprävention möglich sind

Herdenschutz auf Österreichs Almen: Neue Studie zeigt, dass Schutz und Schadensprävention möglich sind

  • 6 Min. Lesezeit

Mit der Rückkehr der großen Beutegreifer in den Alpenraum steht die Almwirtschaft vor Herausforderungen. Besonders Schafe und Ziegen sind auf österreichischen Almen häufig ungeschützt unterwegs und besonders gefährdet. Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt nun erstmals umfassend, dass Herdenschutz auf österreichischen Almen grundsätzlich möglich ist. Gleichzeitig macht sie aber auch deutlich, dass dafür organisatorische und gesellschaftliche Veränderungen notwendig sind.

Die Studie „Feasibility analysis of livestock protection implementation on alpine pastures“ wurde von Isabella E. Faffelberger und Felix Knauer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien erstellt und im April 2026 im internationalen Fachjournal Pastoralism: Research, Policy and Practice veröffentlicht. Finanziert wurde die Arbeit durch das EU-Projekt LIFEstockProtect LIFE19 NAT/AT/000889.

Wie sieht die aktuelle Situation auf Österreichs Almen aus?

Die Studie analysierte die Situation der österreichischen Almwirtschaft erstmals detailliert anhand umfangreicher Daten des Bundesministeriums für Landwirtschaft. Untersucht wurden insgesamt 8.072 Almen im österreichischen Alpenraum.

Auf lediglich 1.325 dieser Almen werden Schafe und Ziegen – in der Studie als „SmRu“ (small ruminants) bezeichnet – gealpt. Das entspricht nur rund 16 Prozent aller österreichischen Almen. Die meisten dieser Herden sind sehr klein: Rund 60 Prozent der Almen mit Schafen oder Ziegen beherbergen lediglich zwischen 1 und 50 Tiere.

Während die Zahl der Rinder auf österreichischen Almen in den letzten 20 Jahren leicht zurückgegangen ist, blieb die Zahl der Schafe weitgehend stabil. Die Zahl der Ziegen hat sich hingegen seit dem Jahr 2000 ungefähr verdoppelt.

Der neu entwickelte Algorithmus

Kernstück der Studie ist ein GIS-basierter Algorithmus, der erstmals für jede einzelne Alm in Österreich berechnen kann, welche Herdenschutzmaßnahmen dort technisch möglich sind. Für die Berechnungen wurden zahlreiche Faktoren wie Anzahl der Tiere, Almgröße, Futterfläche, Hangneigung, Höhenlage, Landnutzung, Zugänglichkeit, mögliche Besatzdichten und vorhandene Grünflächen kombiniert. Als Datengrundlage dienten unter anderem digitale Höhenmodelle, CORINE-Landnutzungsdaten sowie österreichische Almdaten des Landwirtschaftsministeriums.

Der Algorithmus untersucht zwei zentrale Herdenschutzmaßnahmen: Behirtung und elektrische Zäune.
Besonders wichtig ist, dass nicht die gesamte Alm eingezäunt werden muss. Stattdessen identifiziert der Algorithmus gezielt geeignete Teilflächen mit geringer Hangneigung und ausreichender Futtergrundlage, auf denen Schafe und Ziegen sicher eingezäunt werden könnten.

Für die Zäunbarkeit wurden ausschließlich Flächen mit weniger als 30 Grad Hangneigung berücksichtigt, da dort eine praktikable Zaunführung möglich ist. Zusätzlich mussten ausreichend Grünflächen vorhanden sein, ohne dass Rinder und Schafe um dieselben Futterflächen konkurrieren würden. Um die mögliche Anzahl an schützbaren Tieren nicht zu überschätzen, wurde daher mit den konservativeren Werten für Magerwiesen gerechnet.

Praxistest auf 22 Almen

Im Sommer 2024 wurden die theoretischen Vorhersagen des Bewertungsschemas auf insgesamt 22 Almen in fünf Bundesländern überprüft. Besichtigt wurden 12 Hochalmen, 6 Mittelalmen und 4 Niederalmen in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark und Tirol.

Rund die Hälfte der Almbesuche erfolgte gemeinsam mit den jeweiligen Almverantwortlichen. Im Mittelpunkt standen dabei konkrete Fragen der praktischen Umsetzbarkeit: Wo könnten geeignete Zaunflächen entstehen? Welche Almen eignen sich für Behirtung? Wo wären Nachtpferche realistisch? Unter welchen Bedingungen könnten Herdenschutzhunde eingesetzt werden?

Im Fokus standen praktikable Schutzmaßnahmen für Schafe und Ziegen – insbesondere Behirtung mit Nachtpferchen, der Einsatz von Herdenschutzhunden sowie die Einzäunung geeigneter Teilflächen.

Die Validierung zeigte, dass die Vorhersagen des Algorithmus in 20 von 22 Fällen zutrafen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig zusätzliche Vor-Ort-Besichtigungen bleiben, da lokale Besonderheiten – etwa kleine Grünflächen oder spezielle Geländestrukturen – in großräumigen Datensätzen nicht immer vollständig erfasst werden können.

Der Algorithmus kann künftig sowohl Almbewirtschafter:innen als auch Behörden und Förderstellen dabei unterstützen, Herdenschutzprojekte fachlich fundiert zu beurteilen und gezielt zu fördern – insbesondere in sensiblen alpinen Regionen.

Welche Herdenschutzmaßnahmen sind möglich?

Die Studie kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Grundsätzlich kann jedes derzeit auf österreichischen Almen gehaltene Schaf und jede Ziege geschützt werden! Allerdings wird dafür in vielen Fällen eine Umorganisation der bisherigen Almwirtschaft notwendig sein.

Wir zeigen, dass alle Schafe und Ziegen auf österreichischen Almen durch diese Maßnahmen geschützt werden können. Dies setzt jedoch voraus, dass ein Teil der Tiere auf andere Almen verlegt wird (Faffelberger & Knauer, 2026).

Für größere Herden ist laut Studie die Behirtung die sinnvollste Lösung. Da Behirtung jedoch sehr kostenintensiv ist, hängt ihre Wirtschaftlichkeit stark von der Herdengröße und von Förderungen ab.

Ab einer Herdengröße von 500 Tieren könnten bereits rund ein Drittel aller Schafe und Ziegen durch Behirtung geschützt werden. Bei niedrigeren Schwellenwerten von 350 oder 200 Tieren steigt dieser Anteil deutlich an.

Alle übrigen Herden könnten laut Studie durch elektrische Zäune geschützt werden. Allerdings ist dies nicht auf allen heutigen Schafalmen möglich. Gleichzeitig existieren jedoch zahlreiche andere Almen mit geeigneten Flächen, auf die Tiere verlegt werden könnten, ohne dass dadurch für andere Tierarten Weideflächen verloren gehen.

Die Studie zeigt außerdem, dass Österreich über ein großes Potenzial für gezielte Almzäunung verfügt. Gerade weil Schafe und Ziegen auf vielen Almen nur einen kleinen Anteil der gesamten Tierzahlen ausmachen, müssen oft nur relativ kleine Bereiche eingezäunt werden.

Förderung als entscheidender Faktor

Derzeit werden Herdenschutzmaßnahmen in Österreich ausschließlich über Mittel der Bundesländer finanziert. EU-Fördermittel aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) wurden bislang kaum genutzt. Herdenschutzmaßnahmen werden aktuell nur in vier Bundesländern gefördert. Meist betrifft dies die Anschaffung von Elektrozäunen, teilweise auch Herdenschutzhunde.

Die Studie verweist darauf, dass andere europäische Länder bereits deutlich weiter sind. Frankreich, Slowenien, Italien oder Spanien finanzieren über EU-Programme nicht nur Elektrozäune und Herdenschutzhunde, sondern auch: Hirtengehälter, Unterkünfte, Beratung, Wartungskosten und Risikoanalysen. Besonders Slowenien wird als positives Beispiel hervorgehoben, da dort seit dem EU-Beitritt umfassende Herdenschutzmaßnahmen dauerhaft über EU-Mittel unterstützt werden.

Die Autor:innen betonen daher klar, dass Herdenschutz langfristig nur funktionieren kann, wenn neben den eigentlichen Schutzmaßnahmen auch organisatorische und logistische Unterstützung finanziert wird.

Öffentliche Unterstützung sollte daher nicht nur finanzielle Förderungen für die Schutzmaßnahmen selbst umfassen, sondern auch technische und logistische Hilfe, um diese Veränderungen praktikabel zu machen (Faffelberger & Knauer, 2026).

Herdenschutz bedeutet Veränderung

Die Studie macht deutlich, dass Herdenschutz weit über technische Maßnahmen hinausgeht. Viele traditionelle Formen der Almwirtschaft werden sich verändern müssen.

Kleine Herden müssten teilweise zusammengelegt werden, damit Behirtung wirtschaftlich möglich wird. Tiere müssten teilweise auf andere Almen verlegt werden. Neue Kooperationen zwischen Betrieben wären notwendig. Zusätzlich entstehen Fragen rund um Transportlogistik, Arbeitskräfte, Verträge, Weiderechte, Besucherlenkung, Umgang mit Herdenschutzhunden und Akzeptanz in der Bevölkerung.

Auch Konflikte mit Tourismus und Freizeitnutzung werden angesprochen.

Fazit

Die im Rahmen von LIFEstockProtect entstandene Studie liefert erstmals eine wissenschaftlich fundierte, österreichweite Analyse zur technischen Machbarkeit von Herdenschutz auf Almen.

Die Ergebnisse zeigen erstens, dass Schadensprävention in Österreich grundsätzlich möglich ist – selbst auf Almen. Allerdings basiert diese Einschätzung ausschließlich auf der technischen Machbarkeit, etwa hinsichtlich Gelände, Landbedeckung und Kapazitäten, nicht jedoch auf der praktischen und institutionellen Umsetzbarkeit, wie Arbeitsaufwand, Vereinbarungen, Akzeptanz oder Kosten (Faffelberger & Knauer, 2026).

Die Arbeit von Isabella E. Faffelberger und Felix Knauer bietet damit eine wichtige Grundlage für die zukünftige Diskussion über Herdenschutz, Almwirtschaft und das Zusammenleben mit großen Beutegreifern in Österreich.

Quelle:

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecken Sie mehr von anca.at

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

×