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Ein interner Fachbericht zur Bewertung des Wolfs in Deutschland, der über Jahre als verschollen galt, ist nun wieder aufgetaucht. Das Dokument enthält die wissenschaftliche Grundlage für die Bestimmung des „günstigen Erhaltungszustands“ – einer der zentralen Größen des EU-Naturschutzrechts. Die Inhalte des Berichts stehen jedoch in wesentlichen Punkten im deutlichen Widerspruch zur offiziellen Zustandsmeldung Deutschlands an die EU-Kommission im Jahr 2025.
Zwischen 2020 und 2023 wurde in einem umfangreichen Bund-Länder-Verfahren ein wissenschaftlich fundierter Referenzwert erarbeitet. Grundlage waren mehr als 20 Jahre Monitoringdaten, ein aktuelles Habitatmodell, genetische Analysen sowie ein detailliertes Populationsmodell (PVA) des Leibniz-IZW. Das Ergebnis war eindeutig:
Deutschland benötigt mindestens 339 Wolfsrudel bzw. territoriale Paare, um eine langfristig stabile und überlebensfähige Population sicherzustellen.
2023 lag die tatsächliche Rudelzahl jedoch deutlich darunter. Auch genetische Stabilität, Zukunftsaussichten und Habitatnutzung erfüllten die Kriterien des günstigen Erhaltungszustands nicht.
Trotz dieser klaren wissenschaftlichen Feststellungen meldete Deutschland 2025 für zwei biogeografische Regionen einen „günstigen Erhaltungszustand“ an die EU-Kommission. Wie diese abweichende Bewertung zustande kam, lässt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht nachvollziehen. Mit dem Wiederauftauchen des ursprünglichen Fachberichts steht nun ein erheblicher fachlicher Widerspruch im Raum, der einer Klärung bedarf. Die jüngsten DBBW-Daten, die erstmals eine Stagnation der Rudelzahlen zeigen, passen zudem eher zur wissenschaftlichen Bewertung des Berichts als zur politischen Meldung.
Die Wiederentdeckung dieses Dokuments wirft grundsätzliche Fragen auf:
- Wie werden nationale Zustandsbewertungen künftig mit wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeglichen? Und wie werden Abweichungen nachvollziehbar begründet?
- Auch Österreich steht vor einer ähnlichen Situation: Der nationale Bericht gemäß Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist seit elf Monaten überfällig. Ob die politischen Aussagen dort mit den wissenschaftlichen Daten übereinstimmen werden, bleibt offen.
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