Salzburg/St. Valentin, 22. September 2026 – Mit großer Sorge reagiert ANCA auf Aussagen des Salzburger Wolfsbeauftragten Hannes Üblagger gegenüber den Salzburger Nachrichten. Im Bericht erklärt Üblagger zur bislang ausgebliebenen dauerhaften Ansiedlung eines Wolfsrudels in Salzburg: „Das gilt es auch zu vermeiden.“ Für ANCA steht diese Aussage in einem fundamentalen Spannungsverhältnis zum Ziel der FFH-Richtlinie, einen günstigen Erhaltungszustand der geschützten Arten zu bewahren beziehungsweise wiederherzustellen.
„Einzelne durchziehende Wölfe sind keine reproduzierende Population. Eine reproduzierende Population kann ohne territoriale Paare, Rudel und Nachwuchs nicht entstehen. Man kann nicht einerseits europarechtlich einen günstigen Erhaltungszustand erreichen müssen und andererseits verhindern wollen, dass sich reproduzierende Einheiten überhaupt etablieren“, so Monika Schertler, Obfrau-Stellvertreterin von ANCA.
Österreich stuft eigene Wolfspopulation als unzureichend ein
Im aktuellen österreichischen Artikel-17-Bericht 2019-2024 wird der Parameter „Population“ des Wolfs sowohl in der alpinen als auch in der kontinentalen biogeografischen Region mit U1 „ungünstig-unzureichend“ bewertet. Österreichs eigene FFH-Berichterstattung spricht damit gegen einen politischen Kurs, der die Etablierung reproduzierender Rudel verhindern will.
Weiters stellte der Europäische Gerichtshof im Urteil C-601/22 fest, dass die Beurteilung der Wolfspopulation auf lokaler und nationaler Ebene zu erfolgen hat. Für das Management des mittlerweile in Anhang V der FFH-Richtlinie geführten Wolfs stellte der EuGH im Urteil C-629/23 – Eesti Suurkiskjad klar, dass eine Nutzung bzw. Entnahme nach Art. 14 die Erreichung oder Aufrechterhaltung eines günstigen Erhaltungszustands nicht beeinträchtigen darf. Die Beurteilung muss auf den besten verfügbaren wissenschaftlichen Daten beruhen und das Vorsorgeprinzip berücksichtigen.
Stabile Rudel als Teil der Lösung
Die Aussage, eine dauerhafte Rudelbildung müsse verhindert werden, ist auch aus verhaltensbiologischer Sicht bemerkenswert. Die Rudel der hochsozialen Tiere bestehen typischerweise aus den Elterntieren und deren Nachkommen. Innerhalb dieser Familienverbände wird Verhalten erlernt und weitergegeben. Etablierte Wolfsrudel besetzen und verteidigen Territorien gegen fremde Wölfe und können damit bei funktionierendem Herdenschutz Teil eines konfliktärmeren Zusammenlebens sein.
Eine Untersuchung von Mayer et al. (2022) zu Wölfen in Dänemark und Schleswig-Holstein analysierte genetisch identifizierte Tiere und Nutztierschadensereignisse. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass verbesserte Schutzmaßnahmen Schäden reduzieren können und nichtresidente, wandernde Wölfe eine besondere Herausforderung für den Weidetierschutz darstellen können.
Eine Politik, die etablierte Rudel verhindern möchte, führt nicht automatisch dazu, dass die Landschaft wolfsfrei bleibt. Durchwandernde Tiere werden weiterhin auftreten.
Abschüsse als Erklärung für weniger Risse?
Hannes Üblagger erklärt gegenüber den Salzburger Nachrichten, die Möglichkeit, Wölfe rascher töten zu können, spiele „sicherlich eine Rolle“ beim Rückgang der Zwischenfälle. Der Bericht selbst zeigt jedoch einen wesentlichen Punkt: 2026 wurde in Salzburg bislang lediglich ein Wolf nach einem konkreten Weidetierriss getötet.
„Das ist weder präventiv noch ein Schutz für die Weidetiere. Aus Tirol wissen wir, dass Risse teilweise nicht mehr gemeldet werden und die Realität in Form toter Schafe und Ziegen auf den Almen sichtbar wird“, sagt Schertler.
Laut Salzburger Nachrichten sieht der Wolfsbeauftragte weiters einen wesentlichen Einfluss außerhalb Salzburgs: Weil in Tirol und Kärnten 2026 jeweils mehr als zehn Wölfe entnommen wurden, würden auch weniger Tiere nach Salzburg gelangen.
„Dass ein für das Wolfsmanagement zuständiger Fachbeauftragter zahlreiche Tötungen in Tirol und Kärnten als mögliche positive Erklärung dafür anführt, dass weniger Wölfe Salzburg erreichen, ist aus Artenschutzsicht höchst bedenklich. Damit werden hohe Abschusszahlen faktisch als erwünschter Effekt dargestellt”, kritisiert Schertler.
Angesichts hoher und regional konzentrierter Tötungen müssen deren Auswirkungen auf Rudelstruktur, Reproduktion und Populationsentwicklung wissenschaftlich untersucht werden – ebenso die kumulativen Auswirkungen mehrerer Eingriffe.
ANCA fordert Kurskorrektur
ANCA.at fordert das Land Salzburg und den Wolfsbeauftragten auf, klarzustellen, warum die Ansiedlung reproduzierender Wolfsrudel ausdrücklich verhindert werden soll und wie dieses politische Ziel mit der Verpflichtung zur Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung eines günstigen Erhaltungszustands vereinbart werden soll.
Die Forschung zeichnet ein wesentlich komplexeres Bild als die Formel „weniger Wölfe = weniger Probleme“: Herdenschutz ist nach einer aktuellen österreichischen Studie auch auf Almen grundsätzlich machbar, benötigt aber politische und finanzielle Unterstützung.
Zugleich müssen die ökologische Funktion des Wolfs und mögliche volkswirtschaftliche Leistungen in eine seriöse Gesamtbewertung einfließen. Internationale Untersuchungen, wie jene von Raynor et al. (2021), weisen zudem darauf hin, dass die Anwesenheit von Wölfen positive volkswirtschaftliche Effekte haben kann, etwa durch Auswirkungen auf Wildbestände und die Zahl von Wildunfällen.
„Fünf nachgewiesene Wölfe, kein Rudel und ein einziger Abschuss sind keine belastbare Grundlage für die Erzählung, Abschüsse hätten Salzburg sicherer gemacht. Die gezielte Verhinderung von Rudelbildung ist kein Weg zu einer dauerhaft lebensfähigen Wolfspopulation – und sie wirft erhebliche Fragen hinsichtlich der europäischen Erhaltungsziele auf. Wer Rudel verhindern und Wölfe töten will, löst das Herdenschutzproblem nicht“, so Monika Schertler abschließend.
Quellen:
Habitats Directive reporting (Art. 17) – 2019-2024 https://reportnet.europa.eu/public/dataflow/1525
Mayer, Martin; Olsen, Kent; Schulz, Björn; Matzen, Jens; Nowak, Carsten; Thomsen, Philip Francis; Hansen, Michael Møller; Vedel-Smith, Christina; Sunde, Peter (2022):
Occurrence and Livestock Depredation Patterns by Wolves in Highly Cultivated Landscapes. Frontiers in Ecology and Evolution, Vol. 10, 783027. https://www.frontiersin.org/journals/ecology-and-evolution/articles/10.3389/fevo.2022.783027/full?utm_source=chatgpt.com
Faffelberger, Isabella E.; Knauer, Felix (2026): Feasibility analysis of livestock protection implementation on alpine pastures. Pastoralism, Vol. 16, 15739. Research Institute of Wildlife Ecology, University of Veterinary Medicine Vienna. https://www.frontierspartnerships.org/journals/pastoralism-research-policy-and-practice/articles/10.3389/past.2026.15739/full?utm_source=chatgpt.com
Statusbericht Wolf 2025 https://baer-wolf-luchs.at/wp-content/uploads/2026/04/2025_Statusbericht_Wolf.pdf
Verbreitungskarte ÖZ https://baer-wolf-luchs.at/verbreitungskarten/wolf-verbreitung/

