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Die Zukunft der Schafhaltung in Österreich: Hat die Landwirtschaft den Naturschutz zu lange als Gegner gesehen?

  • 6 Min. Lesezeit
a herd of sheep standing on top of a grass covered field. Photo by Paulina Herpel

Deutschland: Wenn Naturschutz zum Geschäftsmodell wird

Wenn man mit Schäferinnen und Schäfern in Norddeutschland spricht, fällt ein Unterschied zu Österreich sofort auf: Dort wird Naturschutz oft nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Geschäftsmodell.

Große Schäfereien in Brandenburg, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern übernehmen regelmäßig die Pflege wertvoller Naturschutzflächen. Sie beweiden Trockenrasen, Heideflächen oder andere schützenswerte Lebensräume und erhalten dafür eine vertraglich vereinbarte Vergütung. Die Tiere erfüllen dabei eine Aufgabe, die weder Maschinen noch andere Bewirtschaftungsformen leisten können: Sie erhalten jene offenen Landschaften, für die viele Natura-2000-Gebiete überhaupt ausgewiesen wurden.

Dabei beschränkt sich diese Rolle keineswegs auf die Schafhaltung. Auch Rinder, Ziegen und andere Weidetiere übernehmen wichtige Aufgaben im Naturschutzmanagement. Während Schafe vor allem für die Pflege von Magerrasen und Trockenstandorten eingesetzt werden, leisten Rinder einen wichtigen Beitrag zur Offenhaltung größerer Flächen. Ziegen wiederum werden gezielt zur Entbuschung eingesetzt und können dort wertvolle Dienste leisten, wo Gehölze wertvolle Offenlandlebensräume zunehmend verdrängen. Die Beweidung wird damit zu einem zentralen Instrument der Landschaftspflege und des Naturschutzes.

Der Schäfer als Dienstleister

Der entscheidende Unterschied liegt nicht auf der Weide, sondern im Rollenverständnis. Während der Schäfer in Österreich meist ausschließlich als Produzent landwirtschaftlicher Erzeugnisse wahrgenommen wird, gilt er in vielen Regionen Deutschlands längst auch als Dienstleister. Seine Herde produziert nicht nur Fleisch, Milch oder Wolle. Sie erhält Offenlandlebensräume, verhindert Verbuschung, schützt seltene Arten und erfüllt Naturschutzziele. Für diese Leistungen wird er bezahlt.

In Deutschland hat sich dafür über Jahrzehnte ein System entwickelt, das unter dem Begriff „Vertragsnaturschutz“ bekannt ist. Behörden, Stiftungen, Landschaftspflegeverbände oder Naturschutzorganisationen vergeben Pflegeaufträge für bestimmte Flächen. Schäfereien, Rinderhalter oder andere Weidetierhalter bewerben sich darauf, erhalten den Zuschlag und verfügen damit oft über mehrjährige, kalkulierbare Einnahmen. Die Beweidung wird nicht als Nebeneffekt betrachtet, sondern als konkrete Leistung, die bezahlt wird.

Österreich: Das versäumte Modell

Die entscheidende Frage lautet daher: Warum hat sich ein ähnliches Modell in Österreich nie in vergleichbarer Weise etabliert? Dabei wären die Voraussetzungen eigentlich vorhanden. Auch Österreich verfügt über Natura-2000-Gebiete, wertvolle Magerrasen, Trockenstandorte, Almflächen und andere Lebensräume, die ohne Beweidung langfristig verbuschen und ihren naturschutzfachlichen Wert verlieren würden.

Doch während in Deutschland vielerorts klar definiert ist, welche Flächen gepflegt werden müssen und welche Bewirtschaftungsmaßnahmen dafür notwendig sind, blieb Österreich bei der praktischen Umsetzung häufig hinter den Erwartungen zurück. Viele Natura-2000-Gebiete verfügen bis heute nicht über jene detaillierten Managementstrukturen, die eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Landwirtschaft ermöglichen würden. Statt neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen, entstand dadurch oft der Eindruck, Naturschutz bedeute vor allem zusätzliche Auflagen.

Diese Versäumnisse haben inzwischen sogar eine europarechtliche Dimension erreicht. Die Europäische Kommission hat Österreich im Zusammenhang mit der Umsetzung der Natura-2000-Verpflichtungen bereits eine sogenannte „Reasoned Opinion“ übermittelt – die dritte und letzte Stufe vor einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. Einer der zentralen Kritikpunkte betrifft das unzureichende Management vieler Schutzgebiete. Über Jahre hinweg wurden notwendige Erhaltungs- und Pflegemaßnahmen oft nicht ausreichend konkret festgelegt oder verbindlich abgesichert. Gerade jene Maßnahmen, die eine regelmäßige Beweidung oder andere Formen der Pflege erfordern würden, wurden vielerorts nicht konsequent in Managementsysteme überführt. Was ursprünglich möglicherweise als Verwaltungsvereinfachung oder Kostenersparnis betrachtet wurde, droht nun zu einem kostspieligen Vertragsverletzungsverfahren zu führen. Gespart wurde damit am Ende möglicherweise nichts – vielmehr wurden Chancen für Naturschutz und Landwirtschaft gleichermaßen vergeben.

Der Wolf als Symptom eines tieferen Konflikts

Gleichzeitig wird dieses grundlegende Spannungsverhältnis derzeit durch die Wolfsdebatte besonders sichtbar. Kaum ein anderes Thema zeigt so deutlich, wie stark sich Naturschutz und Landwirtschaft in Österreich inzwischen als Gegensätze gegenüberstehen. Anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, werden beide Bereiche häufig gegeneinander ausgespielt. Die Diskussion um den Wolf wirkt dabei wie ein Brennglas, das bestehende Konflikte sichtbar macht und vielerorts zusätzlich verschärft. Dadurch gerät zunehmend aus dem Blick, dass Naturschutz und Landwirtschaft in vielen europäischen Ländern längst als Partner auftreten und gemeinsam wirtschaftliche Perspektiven entwickeln.

Naturschutz als Gegner oder Auftraggeber?

Besonders bemerkenswert ist dabei die unterschiedliche Wahrnehmung. Während in vielen Regionen Deutschlands Naturschutz als Auftraggeber, Partner und zusätzliche Einkommensquelle verstanden wird, gilt in Österreich vielerorts noch immer das Gegenteil. Hier wird häufig das Narrativ gepflegt, Naturschutz sei die größte Bedrohung für die Landwirtschaft.

Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied. Während deutsche Landwirte zunehmend fragen, wie sie mit Vertragsnaturschutz Geld verdienen können, wird in Österreich noch häufig die Frage gestellt, wie man sich vor dem Naturschutz schützen kann.

Das verbreitete Credo, Naturschutz sei die größte Bedrohung für die Landwirtschaft, hat über Jahre hinweg den Blick auf jene Chancen verstellt, die in einer engeren Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutz liegen könnten.

Die Konsequenzen werden sichtbar

Vielleicht liegt darin einer der größten strategischen Fehler der vergangenen Jahrzehnte. Denn die wirtschaftliche Realität wird immer schwieriger. Die Kosten steigen, die Zahl der Betriebe sinkt und gleichzeitig stehen die öffentlichen Haushalte unter Druck. Hinzu kommt, dass in den kommenden Jahren erhebliche Kürzungen der europäischen Agrarmittel erwartet werden. Gerade für kleinstrukturierte Betriebe könnte damit eine wichtige Finanzierungssäule deutlich schwächer werden.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Österreich eine Chance verpasst hat. Anstatt Naturschutzmaßnahmen grundsätzlich als Belastung zu betrachten, hätte man sie möglicherweise als zusätzlichen Betriebszweig entwickeln können. Nicht als Ersatz für die Landwirtschaft, sondern als Ergänzung. Die Pflege von Schutzgebieten, die Offenhaltung von Kulturlandschaften oder die Beweidung wertvoller Lebensräume sind Leistungen, die einen gesellschaftlichen Nutzen erzeugen. Warum sollten jene, die diese Leistungen erbringen, nicht dafür bezahlt werden?

Die letzte Chance für eine neue Partnerschaft

Natürlich wäre auch dieser Weg nicht einfach. Der Ausbau eines funktionierenden Vertragsnaturschutzes erfordert langfristige politische Entscheidungen und öffentliche Mittel. Gerade in Zeiten knapper Budgets ist fraglich, ob ein solcher Ausbau heute noch im notwendigen Umfang möglich wäre.

Dass ein solcher Ansatz funktionieren kann, zeigen zahlreiche Beispiele aus Deutschland und anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Dort ist Vertragsnaturschutz längst Teil der landwirtschaftlichen Realität. Extensive Beweidung mit Schafen, Rindern oder Ziegen wird gezielt eingesetzt, um wertvolle Offenlandlebensräume zu erhalten, Verbuschung zu verhindern und die Ziele von Natura-2000-Gebieten umzusetzen. Die Europäische Kommission bezeichnet die Beweidung zahlreicher Lebensraumtypen ausdrücklich als zentrale Managementmaßnahme.

Wer diese Leistung erbringt, produziert nicht nur Lebensmittel, sondern schafft Biodiversität, erhält Landschaften für den Tourismus, verhindert Verbuschung und erfüllt europäische Naturschutzverpflichtungen. Die Bezahlung dieser Leistungen wird deshalb zunehmend als Investition in öffentliche Güter verstanden – und nicht als Subvention.

Doch die Alternative könnte deutlich unangenehmer sein. Wenn sowohl die klassischen Agrarförderungen als auch zusätzliche naturschutzbezogene Einkommensquellen fehlen, geraten insbesondere Schafhaltungen und andere extensive Weidebetriebe zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Folge wären weitere Betriebsaufgaben, weniger Beweidung und letztlich auch der Verlust jener Kulturlandschaften, die viele Menschen als typisch österreichisch wahrnehmen.

Die entscheidende Zukunftsfrage

Die eigentliche Debatte lautet daher nicht „Landwirtschaft oder Naturschutz“. Die entscheidende Frage für die Zukunft lautet vielmehr:

Kann die Landwirtschaft den Vertragsnaturschutz als Partner und Einkommensquelle begreifen – oder wird Österreich weiterhin an einem Gegensatz festhalten, der weder den Betrieben noch der Natur hilft?

Quellen und weiterführende Literatur

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