Wien, 2. November 2026 – Die Ö1-Sendung „Journal-Panorama“ widmete sich am 27. Oktober unter dem Titel „Viel mehr als nur Schießen“ der Jagd in Österreich. Was als Porträt jagdlicher Traditionen, Naturverbundenheit und Hege präsentiert wurde, war aus Sicht von ANCA eine weitgehend unkritische Darstellung. Nun übt auch der renommierte Verhaltensbiologe Prof. Dr. Kurt Kotrschal deutliche Kritik: In seinem Gastkommentar in der Presse vom 1. November bezeichnet er die Sendung als journalistische Fehlleistung und bemängelt insbesondere die fehlende ökologische Einordnung.
Laut der aktuellen Jagdstatistik 2025/26 von Statistik Austria wurden österreichweit rund 690.500 Wildabschüsse erfasst. Die tatsächliche Zahl liegt noch höher, da bestimmte Tötungen – etwa von geschützten Beutegreifern, Bibern und Vögeln aufgrund behördlicher Abschussfreigaben – in der Statistik nicht gesondert ausgewiesen werden. Auch Abschüsse von Haustieren sind nicht erfasst.
Jagdromantik statt kritischem Journalismus
Zahlreiche Vertreter der Jägerschaft kamen zu Wort, darunter Jagd Österreich-Präsident Anton Larcher. Als wissenschaftlicher Experte fungierte Klaus Hackländer, Leiter des BOKU-Instituts für Wildbiologie und Jagdwirtschaft. Unabhängige Ökologen, Öko-Jäger und Vertreter des Naturschutzes fehlten.
Kotrschal kritisiert das „Fehlen einer ernsthaften Einordnung der Jagd in einen politisch-ökologischen Gesamtrahmen“. Die Darstellung von Naturverbundenheit, Tradition und verantwortungsvoller Regulierung habe die tatsächlichen ökologischen Auswirkungen der Jagd weitgehend ausgeblendet. Er verweist unter anderem auf die Bejagung ökologisch wichtiger und gefährdeter Arten, grausame Jagdmethoden, die Tötung von Hunden und Katzen, die Überhege von Schalenwild sowie die Belastung von Wildbret durch Blei und radioaktive Kontaminationen bei Wildschweinen. Sein Fazit: Es brauche eine grundlegende Jagdreform und ein bundesweit einheitliches Jagdgesetz.
“Dabei sind bloß kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung aktive Jäger. Und die diktieren der Zivilgesellschaft und dem Naturschutz, wo es langgeht,” so Kotrschal.
Wissenschaftliche Einordnung: Geburtenrate ist nicht gleich Populationswachstum
In der Sendung argumentierte Prof. Dr. Klaus Hackländer, der Wolfsbestand wachse jährlich um rund 30 Prozent und müsse deshalb reguliert werden.
Keineswegs, denn eine Ausbreitung während der Wiederbesiedlung geeigneter Lebensräume bedeutet kein dauerhaft exponentielles Wachstum. Mit zunehmender Besiedlungsdichte werden freie Territorien knapper. Revierkonkurrenz, Abwanderung, Nahrungsverfügbarkeit, Krankheiten, Verkehrsunfälle, Wildtierkriminalität und natürliche Sterblichkeit beeinflussen die Bestandsentwicklung ebenso wie die Fortpflanzung.
Wie komplex diese Zusammenhänge sind, zeigen Grafiken aus der Studie von Planillo et al. (2024), veröffentlicht in Wildlife Biology: Mit steigender Dichte benachbarter Wolfsterritorien sinkt die erwartete Wurfgröße; auch die Erfahrung der Weibchen spielt eine Rolle. Zudem zeigt die Studie eine abnehmende Überlebenswahrscheinlichkeit im untersuchten Zeitraum. Reproduktion, Überleben, Habitatqualität und Populationsdichte müssen daher gemeinsam betrachtet werden.
Kurt Kotrschal betont die Bedeutung natürlicher Regulationsmechanismen: „Im Prinzip sollte man Wölfe nicht bejagen, sie regulieren ihre Dichte höchst effizient selber.“
Abschüsse können zudem die soziale Stabilität von Wolfsrudeln beeinträchtigen und das Verhalten sowie die räumliche Verteilung der verbleibenden Tiere verändern. Eine langfristig tragfähige Koexistenz erfordert daher eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung der Populationsdynamik und wirksamen Herdenschutz.
„Die Schreie der um ihr Leben kämpfenden Tiere werde ich nie vergessen“
Für Andrea Hagn, Biologin und Obfrau von ANCA, zeigt die Sendung ein grundsätzliches Problem im jagdlichen Umgang mit Wildtieren:
„Wenn das Töten von Tieren als Tradition, Brauchtum, Leidenschaft oder Ausdruck besonderer Naturverbundenheit inszeniert wird, ist das eine Verharmlosung von Gewalt. Die Schreie der verletzten Tiere, die bei Treibjagden verzweifelt um ihr Leben kämpfen, werde ich niemals vergessen. Wir müssen aufhören, Wildtiere ausschließlich durch die Brille menschlicher Nutzungsinteressen zu betrachten.“
Monika Schertler, Biologin und stellvertretende Obfrau von ANCA, ergänzt:
„Die Sendung hat die traditionelle Jagd in Österreich weitgehend durch die rosarote Brille ihrer eigenen Vertreter dargestellt. Was fehlte, war eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Leid der Tiere: mit Fluchtstress, angeschossenen Tieren, Nachsuchen und grausamen Jagdmethoden. Auch wissenschaftliche Aussagen müssen kritisch hinterfragt und vollständig eingeordnet werden. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und unabhängiger Expertise sowie dem Tierschutz ausreichend Raum geben.“
ANCA fordert grundlegende Jagdreform
ANCA fordert eine ökologisch- und tierschutzorientierte Jagdpraxis. Dazu gehören insbesondere:
- ein Ende der Bejagung gefährdeter und ökologisch wichtiger Arten,
- Schonzeiten für alle jagdbaren Tierarten,
- ein Verbot besonders tierschutzwidriger Jagdmethoden, insbesondere der Fallen-, Bau- und Gatterjagd sowie der Ausbildung von Jagdhunden und Greifvögeln an lebenden Tieren,
- keine Aussetzung gezüchteter Tiere für die Jagd,
- ein Verbot der Tötung von Haustieren durch Jäger,
- ein Verbot von Bleimunition,
- ein bundesweit einheitliches Jagdgesetz mit verbindlichen Artenschutzstandards.
„Eine Gesellschaft, die wissenschaftliche Erkenntnisse über die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von Tieren ernst nimmt, darf deren Tötung nicht hinter Begriffen wie Tradition, Hege und Naturverbundenheit verstecken“, so Hagn abschließend.
Quellen:
- Kurt Kotrschal, Gastkommentar in der Presse: https://www.diepresse.com/41407130/ueber-eine-journalistische-fehlleistung-auf-oe1
- ANCA: Neue Jagdstatistik 2025/26: https://anca.at/neue-jagdstatistik-2025-26-zehntausende-hasen-trotz-toedlicher-seuche-erschossen-auch-eu-geschuetzte-und-gefaehrdete-vogelarten-weiterhin-bejagt/
- Planillo et al. (2024): Habitat and density effects on the demography of an expanding wolf population in central Europe: https://doi.org/10.1002/wlb3.01246
Stellungnahmen und ergänzende fachliche Informationen, die bei ANCA zur Ö1-Sendung eingegangen sind, stellen wir MedienvertreterInnen auf Anfrage gerne zur Verfügung.

