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Mythos 2: Herdenschutzhunde sind in touristischen Gebieten nicht einsetzbar, weil sie Menschen angreifen

  • 6 Min. Lesezeit

Herdenschutzhunde und Tourismus – passt das zusammen?

FAKTENCHECK-URTEIL: 🔴 NICHT BELEGT / FALSCH
Gut sozialisierte Herdenschutzhunde sind auch in touristischen Gebieten einsetzbar. Zwischenfälle sind möglich, entstehen aber überwiegend bei missachteten Verhaltensregeln, falscher Haltung oder unzureichender Sozialisation.

Herdenschutzhunde sind groß, selbstständig und bellen eindrucksvoll. Daraus entsteht schnell der Eindruck, sie seien für Wandergebiete ungeeignet oder würden Menschen angreifen, sobald diese sich einer Schafherde nähern.

Gut ausgewählte, sozialisierte und geführte Herdenschutzhunde beobachten, melden eine Annäherung und stellen sich nötigenfalls zwischen die Herde und eine mögliche Gefahr. Ihr wichtigstes Mittel ist das Bellen – nicht der Biss.

Hunde kommunizieren ihre Grenzen sehr deutlich in einer klaren Eskalationsleiter. Bevor ein Hund zubeißt, zeigt er meist mehrere Stufen von Calming Signals (Beschwichtigungssignalen).

Menschenverträglichkeit ist seit Jahrtausenden ein Zuchtziel

Bereits in der Antike wurden große Herdenschutzhunde nicht nur wegen ihrer Kraft gegenüber Beutegreifern, sondern auch wegen ihrer Sanftmut gegenüber ihren Besitzern geschätzt. Unter Alexander dem Großen verbreiteten sich die Molosser im hellenischen Raum. Im antiken Rom unterschied man zwischen weißen Hunden zum Schutz der Schafherden und dunkleren Hunden zur Bewachung von Haus und Hof.

Diese Unterscheidung war notwendig: Ein Hund, der ständig mit Hirten, deren Familien, Helfern und Händlern zusammenlebte, musste sich zuverlässig anfassen, versorgen und führen lassen. Unkontrollierte Aggressivität gegenüber Menschen war für die Hirten kein Vorteil, sondern ein Ausschlussgrund. 

Herdenschutzhund bezeichnet eine Aufgabe – nicht nur eine Rasse

Nicht jeder Maremmano, Pyrenäenberghund oder Kangal ist automatisch ein einsatzfähiger Herdenschutzhund. Entscheidend sind die Arbeitslinie, die Aufzucht und die Sozialisation.

Arbeitende Herdenschutzhunde:

  • wachsen von klein auf bei den Nutztieren auf,
  • leben ganzjährig mit ihrer Herde,
  • lernen von erfahrenen erwachsenen Hunden,
  • werden regelmäßig von Hirten betreut und gepflegt,
  • werden frühzeitig an Menschen und unterschiedliche Umweltreize gewöhnt.

Ein Hund derselben Rasse, der ohne Nutztierbindung im häuslichen Umfeld aufwächst, kann ein völlig anderes Verhalten entwickeln. Deshalb dürfen schlecht gehaltene, vernachlässigte oder nicht sozialisierte Hunde nicht mit professionell gezüchteten und geführten Arbeitshunden gleichgesetzt werden.

Bellen ist Kommunikation, kein Angriff

Das Bellen eines Herdenschutzhundes ist bewusst eindrucksvoll. Es bedeutet zunächst: Ich habe dich gesehen. Hier befindet sich meine Herde. Halte Abstand.

Auch wenn ein Hund näherkommt oder den Weg versperrt, prüft er zunächst die Situation. Ruhiges Stehenbleiben, langsame Bewegungen und ausreichender Abstand geben ihm Zeit, den Menschen als ungefährlich einzuordnen.

Schreien, Rennen, hektisches Gestikulieren oder das Drohen und Schlagen mit Wanderstöcken können dagegen eine vermeidbare Situation verschärfen. Die Schweizer Fachstelle empfiehlt ausdrücklich, Stöcke niemals erhoben zu schwingen oder damit zu drohen.  

Der Einsatz im Tourismus funktioniert

Ein anschauliches Beispiel befindet sich an der Bergstation K2 oberhalb von Sulden in Südtirol. Dort werden rund 460 Schafe und Ziegen von sechs Maremmano-Abruzzese-Herdenschutzhunden bewacht – in einem Gebiet mit täglich Hunderten Touristen. Informationstafeln, Besucherlenkung, erfahrene Hirten und gut sozialisierte Hunde ermöglichen den gemeinsamen Aufenthalt auf der Alm. 

Auch staatlich anerkannte Herdenschutzhunde werden auf ihre Gesellschaftstauglichkeit geprüft. Das aktuelle Schweizer Prüfungsreglement bewertet unter anderem Freundlichkeit, Aggressivität, Bellen, Stresstoleranz und Führbarkeit. Versucht ein Hund, einen menschlichen Prüfungsfiguranten zu beißen, wird die Prüfung abgebrochen und gilt als nicht bestanden.  

Was zeigen die dokumentierten Zwischenfälle?

In der Schweiz sind mehr als 500 anerkannte Herdenschutzhunde im Einsatz. Im Jahr 2023 wurden 28 bestätigte Vorfälle mit Menschen erfasst, 2024 waren es 22. Sämtliche unmittelbar durch Herdenschutzhunde verursachten Verletzungen konnten ambulant behandelt werden; tödliche Verletzungen von Menschen wurden nicht dokumentiert.  

Die detaillierte Auswertung kam außerdem zu dem Ergebnis, dass in der Regel nicht eine übermäßige Aggressivität der Hunde die Ursache war. Die Vorfälle ließen sich überwiegend auf drei Bereiche zurückführen:

  • unzureichendes Herden- oder Konfliktmanagement,
  • missachtete Verhaltensregeln durch Besucher,
  • ein nicht vollständig vermeidbares Restrisiko im freien Gelände.

Obwohl sich die Zahl der eingesetzten Hunde zwischen 2011 und 2024 fast verdreifachte und die Freizeitnutzung des Alpenraums stark zunahm, stieg die Zahl der Vorfälle nur ungefähr im Verhältnis zur Zahl der Hunde.  

Der eigene Hund ist ein besonderer Faktor

Ein fremder Hund wird von einem Herdenschutzhund anders bewertet als ein Wanderer. Zeigt er Interesse an den Schafen, rennt auf die Herde zu oder tritt angespannt auf, stellt sich der Herdenschutzhund zwischen ihn und die Nutztiere.

Deshalb gilt:

Situation

Richtiges Verhalten

Begegnung mit Herdenschutzhunden

Ruhig bleiben und Abstand halten

Hund bellt oder versperrt den Weg

Stehen bleiben und Zeit zur Einschätzung geben

Eigener Hund ist dabei

Anleinen und die Herde weiträumig umgehen

Rad oder Mountainbike

Absteigen und langsam schieben

Herde liegt direkt am Weg

Nicht durch die Tiere gehen; nötigenfalls umkehren

Wanderstock

Ruhig und tief halten, nicht drohen oder schlagen

Offizielle Schweizer Empfehlungen raten dazu, einen eigenen Hund möglichst gar nicht in Einsatzgebiete von Herdenschutzhunden mitzunehmen. Gerät man dennoch in eine solche Situation, soll die Herde niemals mit dem Begleithund durchquert werden.  

Ein bekanntes Prinzip bei allen Weidetieren

Auch Mutterkühe reagieren nicht grundlos aggressiv, sondern verteidigen ihre Kälber, wenn sie eine Annäherung als Bedrohung wahrnehmen. Der Österreichische Alpenverein berichtet von jährlich wiederkehrenden Zwischenfällen und warnt besonders vor Situationen mit mitgeführten Hunden. Im Mai 2026 kam eine Wanderin in Osttirol bei einem Kuhangriff ums Leben.  

Der Vergleich zeigt: Respektvoller Abstand und angepasstes Verhalten sind keine Sonderregeln für Herdenschutzhunde. Sie gelten grundsätzlich im Umgang mit Tieren, die Junge, eine Herde oder ein Territorium schützen.

Ergebnis des Faktenchecks

Gut sozialisierte Herdenschutzhunde aus geeigneten Arbeitslinien können auch in touristisch stark genutzten Gebieten eingesetzt werden. Sie sind seit Jahrtausenden auf die Zusammenarbeit mit Menschen und den selbstständigen Schutz von Nutztieren selektiert. In Österreich erfolgt eine Zertifizierung durch das Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs. Das Bellen der Hunde ist in erster Linie ein Warn- und Kommunikationssignal. Werden Informationstafeln beachtet, Abstand gehalten, eigene Hunde angeleint und die Herden nicht durchquert, lässt sich das Risiko von Zwischenfällen deutlich reduzieren. Die Behauptung, Herdenschutzhunde würden sich grundsätzlich nicht mit Tourismus vertragen oder Wanderer wahllos angreifen, wird durch die dokumentierte Praxis nicht bestätigt.

Quellen

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