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Mythos 3: Der Wolfsbestand wächst jedes Jahr um 30 Prozent – deshalb muss der Mensch regulieren

  • 4 Min. Lesezeit
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FAKTENCHECK-URTEIL: 🔴 FALSCH / IRREFÜHREND
Hohe Zuwachsraten können während der frühen Wiederbesiedlung eines neuen Territoriums zeitweise auftreten. Ein dauerhaftes exponentielles Wachstum gibt es jedoch nicht. Mit zunehmender Besiedlung begrenzen Territoriengröße, Nahrungsangebot und innerartliche Konkurrenz die weitere Entwicklung (S- Kurve). Die Regulation von Wolfspopulationen beruht auf einem Zusammenspiel sowohl intrinsischer als auch extrinsischer Faktoren.

Der Wolf reguliert sich selbst

Der Regulator einer Tierpopulation muss kein noch größerer Beutegreifer sein. Auch Spitzenprädatoren unterliegen natürlichen und dichteabhängigen Grenzen.

Beim Wolf wirken vor allem:

  • die begrenzte Zahl geeigneter Territorien,
  • das verfügbare Nahrungsangebot,
  • Konkurrenz zwischen benachbarten Rudeln,
  • innerartliche Auseinandersetzungen,
  • Krankheiten, Verletzungen und natürliche Sterblichkeit,
  • Verkehrsunfälle,
  • die begrenzte Möglichkeit abwandernder Jungwölfe, ein freies Territorium und einen Partner zu finden.

Wolfsrudel verteidigen ihre Gebiete gegenüber fremden Wölfen. Sind geeignete Territorien besetzt, können sich nicht beliebig weitere Rudel dazwischenschieben. Mit steigender Wolfsdichte nehmen Konkurrenz und innerartliche Aggression zu. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass abwandernde Jungwölfe ein freies Gebiet finden und dort ein neues Rudel gründen können.

Auch das Nahrungsangebot begrenzt die mögliche Wolfsdichte. Weniger verfügbare Beute bedeutet stärkere Konkurrenz, geringere Überlebenschancen und größere Territorien. Vereinfacht gesagt: Der Wolf reguliert sich selbst. Wissenschaftlich genauer handelt es sich um eine dichteabhängige Regulation durch Raum, Nahrung, Territorialität und innerartliche Konkurrenz.

Von schnellem Wachstum zur Sättigung

Eine neu entstehende Wolfspopulation kann zunächst relativ schnell wachsen:

  • Viele geeignete Gebiete sind noch nicht besetzt.
  • Abwandernde Jungwölfe finden leichter einen Partner und ein eigenes Territorium.
  • Aus territorialen Paaren entstehen neue Rudel.

Je weiter die Wiederbesiedlung fortschreitet, desto stärker verändert sich diese Situation. Freie Territorien werden seltener, bestehende Rudel verteidigen ihre Gebiete und neue Rudelgründungen werden schwieriger.

Die Entwicklung folgt deshalb keiner unbegrenzten exponentiellen Kurve. Nach einer anfänglich schnellen Wachstumsphase flacht die Kurve ab und nähert sich einer Sättigung. Danach schwankt die Population um eine durch Lebensraum, Beute und Territorialität begrenzte Größe.

Was die Zahlen aus Deutschland zeigen

Die aktualisierten Daten der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf zeigen deutlich, dass die jährlichen Zuwächse weder konstant noch annähernd bei mindestens 30 Prozent liegen.

Entwicklung der Wolfsrudel und Wolfsterritorien in Deutschland

Sachsen zeigt die Eigenregulation des Wolfs

Sachsen gehört zu den am längsten und dichtesten besiedelten Wolfsgebieten Deutschlands. Seit dem Monitoringjahr 2021/22 schwankt der Bestand dort zwischen 40 und 50 Wolfsterritorien.

Im Monitoringjahr 2023/24 wurden 43 Territorien mit 37 Rudeln und sechs Paaren bestätigt. Im darauffolgenden Monitoringjahr 2024/25 waren es 46 Territorien mit 35 Rudeln, zehn Paaren und einem territorialen Einzeltier.

Obwohl weiterhin Welpen geboren werden, ist die Zahl der Rudel damit nicht gestiegen, sondern von 37 auf 35 gesunken. Neue Paare und Territorien ersetzen teilweise verschwundene Rudel oder übernehmen bereits bestehende Gebiete.

Sachsen zeigt damit anschaulich, was Eigenregulation bedeutet: Sind geeignete Lebensräume weitgehend besetzt, verteidigen die bestehenden Rudel ihre Territorien gegen fremde Wölfe. Neue Rudel können sich nur noch begrenzt etablieren. Die innerartliche Konkurrenz nimmt zu und die Bestandsdichte stabilisiert sich.

Der Wolf reguliert sich selbst.

Wachstum ist nicht dasselbe wie unbegrenzte Vermehrung

Dass Wolfsrudel jedes Jahr Welpen bekommen, bedeutet nicht, dass alle Jungtiere dauerhaft zusätzlich in der Region verbleiben oder überleben.

Viele Jungwölfe verlassen ihr Geburtsrudel. Nur ein Teil findet ein freies Territorium und einen geeigneten Partner. Andere sterben durch Verkehr, Krankheiten, Verletzungen oder Auseinandersetzungen mit Artgenossen. Manche wandern in andere Regionen oder Länder ab.

Deshalb lässt sich die Entwicklung einer Wolfspopulation nicht berechnen, indem jedes Jahr pauschal 30 Prozent zum vorhandenen Bestand addiert werden. Entscheidend ist nicht allein die Zahl der geborenen Welpen, sondern wie viele Tiere überleben und tatsächlich ein neues Territorium gründen können.

Quellen:

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