22 Millionen behauptete Stimmen. 452 Millionen Betroffene.
Eine gemeinsame Recherche von Grilled und The Guardian gibt Einblick in interne Sitzungsunterlagen von COPA-COGECA, dem einflussreichen europäischen Dachverband von Landwirtschaftsorganisationen und Agrargenossenschaften.
Die ausgewerteten Dokumente legen nahe, dass COPA-COGECA gezielt daran gearbeitet hat, zentrale Umwelt-, Natur- und Gesundheitsvorhaben des europäischen Grünen Deals zu verzögern, abzuschwächen oder zu verhindern.
Pestizidreduktion ausgebremst
Ein zentrales Ziel der Europäischen Union war, den Einsatz und das Risiko chemischer Pestizide bis 2030 deutlich zu reduzieren.
Den von Grilled und The Guardian ausgewerteten Unterlagen zufolge setzte COPA-COGECA auf Verzögerungen, zusätzliche Folgenabschätzungen und politischen Druck. Intern soll sogar erwogen worden sein, das Verfahren bis nach der Europawahl 2024 hinauszuzögern.
Die geplante europäische Pestizidverordnung wurde im Februar 2024 tatsächlich zurückgezogen.
Die Recherche beschreibt zudem Lobbyarbeit für die weitere Verwendung bienenschädlicher Wirkstoffe und für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat. Dessen EU-Zulassung wurde 2023 um weitere zehn Jahre verlängert.
Gleichzeitig warnt die Europäische Kommission vor einem erheblichen Rückgang der Bestäuber. Viele Kultur- und Wildpflanzen sind auf Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten angewiesen.
Ohne Bestäuber keine verlässlichen Ernten. Ohne gesunde Böden, sauberes Wasser und widerstandsfähige Ökosysteme keine zukunftsfähige Landwirtschaft.
Die österreichische Verbindung
Die Landwirtschaftskammer Österreich ist Mitglied von COPA.
Der Österreichische Raiffeisenverband ist Mitglied von COGECA.
Der frühere österreichische Landwirtschafts- und Umweltminister Nikolaus Berlakovich vertritt die Landwirtschaftskammer seit 2020 im COPA-Präsidium, dem höchsten politischen Entscheidungsgremium des Verbandes. Seit 2024 ist er erster Vizepräsident von COPA.
Welche Rolle Berlakovich, die Landwirtschaftskammer Österreich und der Österreichische Raiffeisenverband bei den einzelnen Lobbykampagnen spielten, ist bislang nicht öffentlich geklärt.
Die institutionelle Verbindung allein beweist keine persönliche Beteiligung. Sie begründet jedoch erheblichen Aufklärungsbedarf.
Knapp fünf Prozent behauptete Vertretung – 95 Prozent tragen die Folgen
COPA erklärt, mehr als 22 Millionen Landwirte und deren Familienmitglieder zu vertreten.
Eine öffentlich nachvollziehbare Berechnung dieser Zahl ist bislang nicht ersichtlich.
Selbst wenn man die Angabe vollständig übernimmt, entsprechen 22 Millionen Menschen nur rund 4,9 Prozent der ungefähr 452 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der Europäischen Union.
Die Folgen der beeinflussten Politik betreffen jedoch alle: durch Pestizide, den Verlust von Bestäubern, geschädigte Böden, belastetes Wasser, Klimarisiken und den Abbau des Natur- und Artenschutzes.
Damit stellt sich eine demokratiepolitische Frage:
Wie kann eine Organisation, die nach eigener Darstellung knapp fünf Prozent der europäischen Bevölkerung repräsentiert, derart großen Einfluss auf Entscheidungen ausüben, deren gesundheitliche, ökologische und wirtschaftliche Folgen auch die übrigen 95 Prozent tragen?
Nicht nur Pestizide
Die Recherche beschreibt Lobbyarbeit in mehreren Bereichen:
- für Glyphosat und bienenschädliche Wirkstoffe
- gegen verbindliche Pestizidreduktionen
- für abgeschwächte Emissionsregeln in der industriellen Tierhaltung
- gegen Einschränkungen bei EU-finanzierter Fleisch- und Alkoholwerbung
- für lange Übergangsfristen beim Ende der Käfighaltung
- für die Herabstufung des Schutzstatus des Wolfs
- für mögliche Änderungen beim Schutz weiterer Tier- und Vogelarten
Vom Koexistenzpartner zum Akteur des Wolf-Downlistings.
COPA-COGECA gehörte 2014 zu den Unterzeichnern der europäischen Plattform für die Koexistenz mit Großraubtieren. Jahre später soll die Herabstufung des Wolfsschutzes intern als bedeutender Lobbyerfolg bezeichnet worden sein.
Öffentliche Hilfen – Widerstand gegen Vorsorge
Landwirtschaftliche Interessenvertretungen fordern öffentliche Hilfen für Schäden durch Hitze, Dürre, Hochwasser, Muren und Ernteausfälle.
Gleichzeitig ist aufzuklären, in welchem Umfang dieselben Verbandsstrukturen Maßnahmen zum Schutz von Böden, Bestäubern, Ökosystemen und Klima bekämpft oder verwässert haben.
Wer Klimaanpassung, Renaturierung und Bestäuberschutz verzögert, verschärft langfristig genau jene Risiken, für deren Folgen später öffentliche Unterstützung verlangt wird.
Was die Europäische Kommission offenlegen muss
Die Europäische Kommission muss offenlegen:
- Welche Treffen fanden mit COPA-COGECA statt?
- Welche Studien und Positionspapiere wurden übermittelt?
- Welche österreichischen Vertreter nahmen teil?
- Welche Gesetzesänderungen wurden verlangt?
- Welche Forderungen fanden Eingang in europäische Entscheidungen?
Wenn sich Lobbyarbeit verselbstständigt
Besonders bedenklich ist, dass eine Organisation, die vorgibt, die Interessen der Landwirtschaft zu vertreten, mit ihrer Politik langfristig gegen die eigenen Landwirte arbeiten könnte.
Landwirtschaft ist auf Bestäuber, fruchtbare Böden, sauberes Wasser, ein stabiles Klima und widerstandsfähige Ökosysteme angewiesen.
Wer diese Grundlagen schwächt, schützt nicht die Landwirtschaft. Er gefährdet ihre wirtschaftliche und ökologische Zukunft.
Genau darin liegt die Gefahr eines Lobbyapparates, der sich von den langfristigen Interessen seiner Mitglieder entfernt: Wenn kurzfristige politische Erfolge wichtiger werden als die Zukunft jener Menschen, in deren Namen gesprochen wird, verselbstständigt sich Interessenvertretung.
Dann arbeitet die Lobby nicht mehr für die Landwirtschaft, sondern gegen deren eigene Grundlagen.
Transparenz zur Quellenlage
Die Erkenntnisse über die internen Vorgänge stammen aus der am 16. Juli 2026 veröffentlichten Recherche von Grilled und The Guardian.
Die Angaben zur österreichischen Mitgliedschaft, zu den Funktionen von Nikolaus Berlakovich, zur Bevölkerung der Europäischen Union sowie zu Glyphosat, Pestiziden und Bestäubern wurden anhand öffentlich zugänglicher Quellen überprüft.
Die vollständigen internen Originalunterlagen lagen uns zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vor. Aussagen über deren Inhalte werden daher ausdrücklich Grilled beziehungsweise The Guardian zugeschrieben und sinngemäß wiedergegeben.
Quellen
Grilled – Inside Copa-Cogeca’s plot to kill the EU Green Deal
https://www.grilled.media/inside-copa-cogeca-plot-to-kill-eu-green-deal/
COPA-COGECA – Organisationsstruktur und Vertretungsanspruch
https://copa-cogeca.eu/about-copa
COPA-COGECA – Mitgliedsorganisationen
https://copa-cogeca.eu/home/copa_members
COPA-COGECA – Nikolaus Berlakovich, erster COPA-Vizepräsident
https://copa-cogeca.eu/cv-1st-vice-copa
Europäische Kommission – Europäischer Grüner Deal
https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/european-green-deal_en
Europäische Kommission – Farm-to-Fork-Strategie
https://food.ec.europa.eu/horizontal-topics/farm-fork-strategy_en
Europäische Kommission – Bestäuberinitiative
https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/pollinators_en
Europäische Kommission – Glyphosat
https://food.ec.europa.eu/plants/pesticides/approval-active-substances-safeners-and-synergists/renewal-approval/glyphosate_en
Eurostat – Bevölkerung der Europäischen Union
https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Population_and_population_change_statistics
Europäische Kommission – Plattform für die Koexistenz mit Großraubtieren
https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive/large-carnivores/eu-large-carnivore-platform_en
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