Manche Schäfer in Brandenburg sagen, sie hätten ihre Wölfe „erzogen“. Gemeint ist damit natürlich keine Erziehung im menschlichen Sinn. Gemeint ist, dass sich über Jahre eine stabile Situation entwickelt hat, in der Wölfe bestimmte Schafherden offenbar meiden.
Die betreffenden Betriebe arbeiten mit konsequentem Herdenschutz: sechslitzige Elektrozäune mit bis zu 10.000 Volt sowie drei bis vier Herdenschutzhunde bei Herden von etwa 300 bis 400 Schafen.
Obwohl mehrere Wolfsrudel in der Umgebung leben, kommt es dort nicht mehr zu Rissen. Bemerkenswert ist, dass dies selbst dann gelten kann, wenn der Zaun zeitweise beschädigt ist, etwa durch Wildschweine oder abgebrochene Äste.
Wölfe lernen, Risiken einzuschätzen
Wölfe sind lernfähige und territoriale Beutegreifer. Ein stationäres Rudel bewegt sich über Jahre im selben Gebiet. Es trifft immer wieder auf dieselben Weiden, Herden, Hunde und Menschen.
Bei jeder Annäherung bewertet ein Wolf, wie leicht die Beute erreichbar ist, wie groß das Risiko einer Konfrontation ist und ob es in der Umgebung einfachere Nahrungsquellen gibt.
Die entscheidende Frage lautet also nicht nur: Kann ich dieses Schaf erreichen? Sondern vor allem: Lohnt sich der Versuch?
Ein starker Elektrozaun erhöht den Aufwand. Mehrere Herdenschutzhunde erhöhen das Risiko. Sie bellen, markieren, stellen sich zwischen Wolf und Herde und verhindern einen unbemerkten Angriff.
Wenn sich diese Erfahrung über Monate und Jahre wiederholt, kann sich das Verhalten eines Rudels verändern. Die Schafherde wird dann nicht mehr als leichte Beute wahrgenommen, sondern als riskante und wenig lohnende Nahrungsquelle.
In der Verhaltensbiologie würde man von erlernter Risikovermeidung, lokaler Anpassung oder konditionierter Meidung sprechen. Der Ausdruck „erzogen“ ist fachlich ungenau, beschreibt den Vorgang aber anschaulich.
Warum ein beschädigter Zaun nicht sofort zum Angriff führt
Das könnte auch erklären, warum ein zeitweise beschädigter Zaun nicht automatisch zu einem Riss führt.
Der Zaun mag in diesem Moment offen sein. Die Erfahrung der Wölfe mit diesem Ort ist es nicht. Sie kennen weiterhin die Hunde, die Menschen und das Risiko, das sie mit dieser Herde verbinden.
Ein Wolf reagiert also nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern auch auf das, was er an diesem Ort bereits gelernt hat.
Ein Hundeterritorium im Wolfsterritorium
Eine ähnliche Beobachtung gibt es aus dem italienischen Nationalpark Majella.
Dort werden Schafherden tagsüber teilweise ohne Zäune im freien Weidegang geführt. Begleitet werden sie von Schäfern und meist sechs bis acht Herdenschutzhunden.
Aus GPS-Auswertungen des Wolfsmonitorings wurde berichtet, dass Wölfe Flächen, die tagsüber von Herden und Herdenschutzhunden genutzt worden waren, teilweise auch in der folgenden Nacht mieden.
Bildlich gesprochen entsteht dadurch eine Art zeitweiliges Hundeterritorium innerhalb des eigentlichen Wolfsterritoriums.
Die Hunde sind nachts zwar nicht mehr auf der Fläche, ihre regelmäßige Anwesenheit scheint aber die Risikowahrnehmung der Wölfe zu beeinflussen. Der Schutz wirkt damit möglicherweise über die unmittelbare Begegnung hinaus.

Die „Landscape of Fear“
In der Ökologie wird ein solcher Effekt als „Landscape of Fear“ bezeichnet, also als Landschaft wahrgenommener Risiken.
Damit ist gemeint, dass Tiere Räume nicht nur danach nutzen, wo Nahrung vorhanden ist, sondern auch danach, wo sie Gefahr erwarten. Ein Prädator muss ein anderes Tier dabei nicht ständig verfolgen oder töten. Oft genügt bereits die glaubhafte Möglichkeit einer Begegnung.
Herdenschutzhunde können eine solche Risikolandschaft erzeugen. Wölfe verändern dann möglicherweise ihre Wege, ihre Aktivitätszeiten und ihre Nutzung bestimmter Flächen.
Ein ähnlicher Effekt geht auch von Wölfen selbst aus. Als Spitzenprädatoren beeinflussen sie nicht nur ihre Beutetiere, sondern auch kleinere Raubtiere.
Aus Nordamerika ist gut belegt, dass Wölfe Kojoten räumlich verdrängen und deren Verhalten verändern. Kojoten meiden Wolfszentren, reagieren vorsichtiger und nutzen bestimmte Gebiete seltener. Ein stabiles Wolfsrudel schafft damit auch für Kojoten eine „Landscape of Fear“.
Für Europa wird ein vergleichbarer Zusammenhang beim Goldschakal diskutiert. Wo Wölfe dauerhaft präsent sind, kann die Ausbreitung kleinerer Caniden begrenzt werden. Goldschakale können dabei auf menschennähere Räume ausweichen, in denen Wölfe seltener auftreten.
Ein territoriales Wolfsrudel hält also nicht nur fremde Wölfe auf Abstand. Es kann auch das Verhalten anderer Caniden wie Kojoten oder Goldschakale prägen.
Stationäre Rudel, Quotenjagd und das Ziel, Rudel zu verhindern
Ein etabliertes Wolfsrudel kennt sein Territorium, die natürlichen Beutevorkommen, die Viehweiden und die örtlichen Schutzmaßnahmen.
Wenn Herdenschutz dauerhaft funktioniert, kann daraus eine relativ stabile Nachbarschaft entstehen: Die Wölfe bleiben im Gebiet, nutzen vor allem natürliche Beute und meiden gut geschützte Schafherden. Zugleich hält ein territoriales Rudel fremde Wölfe zumindest teilweise fern und beeinflusst auch kleinere Caniden.
Vor diesem Hintergrund sind sowohl eine pauschale Quotenjagd als auch das in Österreich häufig formulierte Ziel, Rudel möglichst zu verhindern, problematisch. Beides kann gewachsene territoriale Strukturen und erlerntes Meideverhalten stören.
Werden unauffällige Rudel aufgelöst oder ihre Bildung verhindert, können neue und unerfahrene Wölfe nachrücken, die die örtlichen Schutzmaßnahmen noch nicht kennen. Zugleich kann jene „Landscape of Fear“ geschwächt werden, mit der stabile Wolfsrudel fremde Wölfe, Kojoten oder Goldschakale auf Abstand halten.
Das bedeutet nicht, dass jede Entnahme automatisch zu mehr Rissen führt. Entscheidend ist aber die Unterscheidung zwischen gezielten Eingriffen bei nachweislich problematischen Tieren und wahllosen Eingriffen in stabile Rudel.
Das sinnvollere Ziel wäre deshalb, Herdenschutz konsequent umzusetzen, unauffällige Rudel nicht ohne Grund zu destabilisieren und nur dort gezielt einzugreifen, wo einzelne Wölfe Schutzmaßnahmen nachweislich überwinden.
Die eigentliche Lehre aus Brandenburg
Die wichtigste Lehre aus Brandenburg lautet vielleicht nicht, dass Schäfer ihre Wölfe „erzogen“ haben.
Sondern dass konsequenter Herdenschutz über Jahre hinweg das Verhalten von Wölfen verändern kann.
Wölfe können lernen, dass bestimmte Herden keine leichte Beute sind. Sie können lernen, bestimmte Flächen zu meiden. Und sie können diese Erfahrungen über lange Zeit beibehalten.
Genau darin könnte ein Schlüssel für langfristige Koexistenz liegen.
Quellen und wissenschaftliche Nachweise
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Nationalpark Majella: Wolfsmonitoring und LIFE-Wolfnet.
