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Wo der Wolf zum Wirtschaftsfaktor wird – und Österreich ihn vor allem als Problem sieht

  • 11 Min. Lesezeit
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Der Wolf ist nach Europa zurückgekehrt – und mit ihm ein Tourismus, den es vor wenigen Jahrzehnten kaum gegeben hat. In mehreren Regionen reisen Menschen gezielt dorthin, wo Wölfe leben. Sie buchen Führungen, Fototouren und Übernachtungen, oft ohne Aussicht darauf, überhaupt ein Tier zu sehen.

In Österreich ist die Wahrnehmung eine andere. Hier wird der Wolf vor allem im Zusammenhang mit Landwirtschaft, Herdenschutz und Schäden diskutiert.

Reisen für eine Begegnung, die vielleicht ausbleibt

Wolfstourismus funktioniert anders als klassische Tierbeobachtung. Wer daran teilnimmt, kann nicht davon ausgehen, am Ende tatsächlich einen Wolf gesehen zu haben. Die Tiere sind scheu, bewegen sich über große Distanzen und meiden Menschen. Gerade das scheint Teil der Attraktion zu sein.

Im italienischen Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise werden mehrtägige Wolf-Tracking-Programme angeboten. In den Bergen rund um Riaño in Spanien führen spezialisierte Anbieter Besucher in Wolfsgebiete. In Finnland verbringen Naturfotografen Nächte in Beobachtungshütten und warten auf Wölfe, Bären und Vielfraße. Die Reise dreht sich dabei weniger um die garantierte Sichtung als um das Erlebnis einer Landschaft, in der große Wildtiere wieder vorkommen.

Ein Wolfswochenende im Wendland

Wie daraus ein konkretes touristisches Produkt entstehen kann, zeigt das niedersächsische Wendland. Das Biohotel Kenners LandLust bietet geführte Wolfswanderungen durch die Göhrde an. Gäste begleiten einen Wolfsberater, suchen Trittsiegel und andere Spuren und erfahren, wie das Monitoring der dort lebenden Tiere funktioniert. Daraus sind buchbare Angebote entstanden, die Naturbeobachtung mit Aufenthalt und regionaler Gastronomie verbinden. Neben einzelnen Wanderungen gibt es Wolfswochenenden und mehrtägige Programme. Eine Sichtung wird ausdrücklich nicht versprochen.

Das Angebot lebt gerade davon, dass der Wolf nicht verfügbar ist. Er bleibt ein wildes Tier, dessen Anwesenheit sich nachweisen lässt, dessen Auftauchen sich aber nicht planen lässt.

Die Rückkehr eines lange verschwundenen Tieres

Die Grundlage für diesen Tourismus ist die starke Rückkehr des Wolfs nach Europa. Eine 2025 veröffentlichte europaweite Studie kam für das Jahr 2022 auf mehr als 21.500 Tiere. Innerhalb eines Jahrzehnts war der Bestand deutlich gewachsen. Wölfe leben heute keineswegs nur in abgelegenen Wildnisgebieten. Sie kommen auch in Kulturlandschaften vor, die landwirtschaftlich genutzt, besiedelt und von Verkehrswegen durchschnitten sind.

Damit ist ein großes Raubtier in Landschaften zurückgekehrt, aus denen es über lange Zeit nahezu verschwunden war. In einigen Regionen hat diese Rückkehr inzwischen nicht nur ökologische und politische Folgen, sondern auch eine touristische Dimension.

Wenn Anwesenheit zur Ressource wird

Ökonomisch ist dieses Modell ungewöhnlich. Der Wolf muss weder gefangen noch sichtbar gemacht werden. Entscheidend ist allein, dass er in einer Region vorkommt. Seine Anwesenheit schafft Nachfrage nach Guides, Unterkünften, Gastronomie, Naturvermittlung und Fotografie. Menschen bezahlen für Zeit in einer Landschaft, in der die Begegnung mit einem Wolf möglich, aber keineswegs sicher ist.

Wildlife Tourism macht damit nicht das Tier selbst zum Produkt. Das Produkt ist das Erlebnis seiner Umgebung. Der wirtschaftliche Wert entsteht aus einer Form von Natur, die sich gerade nicht vollständig kontrollieren lässt.

In Österreich dominiert der Konflikt

Auch in Österreich sind Wölfe aus eigener Kraft zurückgekehrt. 2025 wurden hierzulande 121 individuelle Tiere bestätigt. Es gab acht Rudel, drei davon mit nachgewiesener Reproduktion. 2026 sind mit Stand 31. August insgesamt nur noch vier Rudel nachgewiesen.

Gleichzeitig verursacht die Rückkehr Konflikte mit der Nutztierhaltung. Besonders Schafe und Ziegen sind von Wolfsrissen betroffen. In alpinen Regionen kann der Schutz von Herden zudem aufwendiger sein als in leichter zugänglichen Landschaften.

Diese Erfahrungen prägen die öffentliche Debatte stark. Der Wolf wird in Österreich deshalb vor allem als Herausforderung für Landwirtschaft und Almwirtschaft wahrgenommen. Seine Anwesenheit erscheint in erster Linie unter dem Gesichtspunkt von Schäden, Schutzmaßnahmen und zusätzlichem Aufwand.

Eine touristische oder wirtschaftliche Perspektive spielt in dieser Debatte bislang kaum eine Rolle. Damit zeigt sich ein bemerkenswerter Unterschied in der Wahrnehmung desselben Tieres: Während seine Rückkehr in manchen Regionen Europas bereits neue touristische Angebote hervorgebracht hat, steht in Österreich fast ausschließlich der Nutzungskonflikt im Vordergrund.

Tourenanbieter

Italien – Abruzzen / Apennin

Rumänien – Transsilvanien / Karpaten

  • Wolftracking / Wildlife: Absolute Carpathian – lokaler Spezialanbieter aus Zărnești für Bär, Wolf und Luchs. Besonders interessant: Bei den mehrtägigen Programmen können auch Besuche bei Shepherd Camps integriert werden. 
  • Wolftracking: Responsible Travel – Wolf Tracking Holiday Romania – fünftägige Kleingruppenreise mit Schwerpunkt Wolftracking in Transsilvanien; derzeit ab etwa €1.800 gelistet. Hier ist Responsible Travel Vermittler, nicht der lokale Guide selbst. 
  • Wolf/Bär/Luchs: Naturetrek – Wildlife of Transylvania – acht Tage; gezielte Suche nach Spuren von Wolf, Bär und Luchs, kombiniert mit Beobachtungshütten. 
  • Individuell anpassbar: Naturetrek – Tailormade Romania – interessant, wenn du gezielt ein Wolf-/Hirtenprogramm zusammenstellen möchtest; Wolftracking wird explizit als möglicher Schwerpunkt genannt. 
  • Wildnis + lokale Kultur: Travel Carpathia – Reisen in den Făgăraș-Bergen – Conservation-Carpathia-naher Anbieter, Wildnisreisen in Wolf-, Bär- und Luchslebensräumen; weniger reines Wolftracking, dafür sehr gut für das Thema Landschaft, Dorfgemeinschaften und Koexistenz. 

Spanien – Sierra de la Culebra / Palencia / Nordspanien

Deutschland

  • Wildwolf-Fährten: F.A.W.N. – Wolfswanderung – Niederlausitz; Halb- und Ganztageswanderungen in Wolfsgebieten, individuelle Termine ebenfalls möglich. Einer der direktesten deutschen Anbieter für echtes Wolfs-Fährtenlesen. 
  • Wolf + Monitoring + Koexistenz: WWF – Wolf & Mensch: Mythen, Monitoring und Miteinander – Wendland; Wolfsspuren unterscheiden, Losung, Fotofallen und Monitoring, dazu ausführlich Mensch-Wolf-Zusammenleben. Nächste veröffentlichte Termine sind 12. September und 31. Oktober 2026. 
  • Wolf + Weidelandschaft: WWF – Lüneburger Heide: Wildnis- und Kulturlandschaft – interessant für deine Hirtenperspektive: traditionelle Schafhaltung, Kulturlandschaft und Rückkehr des Wolfes werden ausdrücklich miteinander thematisiert. 
  • Spuren / Wolf-Luchs: WWF – Deutschlands Wildtieren auf der Spur – Bayerischer Wald; Spuren von Wolf, Luchs, Wildkatze und Fischotter, mit Fokus auf Lebensraum und Koexistenz. Weitere 2026-Termine sind veröffentlicht. 
  • Wolf im Wildpark: Wildpark-MV Güstrow – Wolfswanderung – viele Termine 2026, aber wichtig: keine Wildwolfexkursion, sondern geführte Abendtour zu Wölfen im Wildpark. 

Finnland – Kuhmo / Wild Taiga

Hier ist das Konzept anders: Viele Anbieter arbeiten mit Beobachtungs- und Fotohütten. Teilweise werden Futter-/Köderplätze verwendet; wenn dir ein möglichst unbeeinflusstes Wildtiererlebnis wichtig ist, würde ich das bei der Auswahl explizit abfragen. 

Slowakei – Karpaten / Tatra

  • Wolftracking: WolfTracking.eu – Wolves in Slovakia – auf Wolftracking spezialisierter Anbieter; Schwerpunkt auf Spuren, Losung, Territorien und langjähriger Feldkenntnis. 
  • Citizen Science / sehr empfehlenswert: Slovak Wildlife Society – Wolf & Lynx Tracking – meiner Einschätzung nach einer der interessantesten Treffer für eine fachliche Exkursion: Schneetracking, DNA-Proben, Fotofallen und echtes Monitoring. Termine 16. Januar bis 5. Februar 2027 sind geöffnet. 
  • Volunteer Expedition: WorkingAbroad – White Wilderness Carpathian Wolf Tracking – ein- bis dreiwöchiges Citizen-Science-Projekt mit Wissenschaftlern; Wolf und Luchs in den Karpaten. Für Januar/Februar 2027 stehen konkrete Wochen zur Verfügung. 

Tschechien

Hier habe ich derzeit keinen ähnlich überzeugenden kommerziellen Wildwolf-Reiseanbieter wie in Italien, Spanien oder der Slowakei gefunden. Dafür ist das wissenschaftlich orientierte Freiwilligenmonitoring sehr gut etabliert.

Schweden

Polen – Bieszczady

Frankreich – Französische Alpen

  • Wolftracking: Undiscovered Mountains – Wolf Tracking in the Alps – vier Tage mit erfahrenem Wolftracker und Bergführer in den südlichen französischen Alpen; Fährten und andere Wolfszeichen werden zudem an das offizielle Wolfsmonitoring weitergegeben. Sehr kleine Gruppen. 

Portugal – besonders interessant für Wolf + Hirten + Herdenschutz

Das ist für dein Thema möglicherweise einer der interessantesten Funde überhaupt.

  • Wolf + Hirten + Koexistenz: Rewilding Portugal – Wolf Tourism – zentrale Übersichtsseite für mehrere lokale Angebote südlich des Douro. 
  • Herde + Wolf: Auf derselben Seite wird Quinta dos Rebolais / Rota e Raízes angeboten: Wanderung mit einer Ziegenherde, bei der ausdrücklich Maßnahmen zur Koexistenz von Nutztieren und Iberischem Wolf erläutert werden. 
  • Wolf-Landschaft: Ebenfalls dort: Wildlife Portugal / Vale Carapito – Führung durch ein ehemaliges bzw. wiederbesiedeltes Wolfsgebiet im Greater Côa Valley mit Schwerpunkt auf den aktuellen Herausforderungen und Chancen für den Iberischen Wolf. 
  • Mit dem Hirten: Rewilding Portugal führt außerdem ATASA – Walk with the Shepherd in den Bergen von Arada/Freita/Montemuro. Das Projekt verbindet Hirtenkultur und den westlichen Rand des Wolfsverbreitungsgebietes südlich des Douro. Den konkreten Buchungsstatus würde ich dort vorab abklären. 

Bulgarien – Rhodopen

  • Bär- und Wolftracking: Exodus – Hike Bulgaria’s Rodopi Mountains – am fünften Tag der Reise findet eine komplette Bear and Wolf Tracking-Wanderung rund um Yagodina statt; Spuren, Ökologie und Verhalten beider Arten stehen im Mittelpunkt. 
  • Forschung / möglicher Fachpartner: Wild Rodopi – NGO für Großraubtierforschung und traditionelle ökologische Kenntnisse in den Rhodopen. Kein normaler Reiseveranstalter, aber für eine fachliche Exkursion über Wolf/Bär, lokale Gemeinschaften und traditionelle Nutzung sehr interessant. 

Griechenland / Nordmazedonien

  • Wolf + Koexistenz / Naturschutzreise: The European Nature Trust – Wild Balkans Adventure – Pindus-Gebirge in Griechenland und Mavrovo in Nordmazedonien; acht Nächte, u. a. Wolf, Braunbär und Balkanluchs. Kein reines Wolftracking, aber deutlich auf Conservation und lokale Koexistenz ausgerichtet. 

Quellenverzeichnis

Di Bernardi, C. et al. (2025): Continuing recovery of wolves in Europe. PLOS Sustainability and Transformation. Europaweiter Überblick über Wolfsbestände, Bestandsentwicklung sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte der Rückkehr des Wolfes.

Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs (2026): Statusbericht Wolf 2025 – Situation des Wolfs in Österreich. Daten zu Wolfsnachweisen, Rudeln, Reproduktion und Nutztierschäden in Österreich.

Parco Nazionale d’Abruzzo, Lazio e Molise: Programme und Angebote zum Wolf Tracking im Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise.

Wild Watching Spain: Angebote zur Beobachtung des Iberischen Wolfes in der Region Riaño und Informationen zum dortigen Naturtourismus.

Kenners LandLust, Göhrde: Der Wolf – Wölfe im Wendland. Auf den Spuren der Rückkehrer. Informationen über Wolfswanderungen, Monitoring und touristische Angebote rund um die Wölfe in der Göhrde.

Kenners LandLust (2026): Wolfswochenende im Wendland. Touristische Arrangements mit Übernachtungen, Verpflegung und geführter Wolfsmonitoring-Wanderung.

Boswell Wildlife Photography / Wild Nature Photo Travel: Mehrtägige Wildlife- und Wolfsfotografieprogramme in Finnland.

Dobson, Jim (2026): Wolf Populations Are Soaring Across Europe, And So Is Wildlife Tourism. Forbes.

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