Die Annahme, dass die Bejagung wildlebender Tiere zur Reduktion ökonomischer und ökologischer Schäden beiträgt, ist ein zentrales Argument in der europäischen Wildtierpolitik. Die im April 2026 in der Biological Conservation publizierte Studie von Frédéric Jiguet et. al “Ecological and economic assessments of native vertebrate pest control in France” stellt genau dieses Argument nun grundlegend infrage.
Empirische Analyse über sieben Jahre
Die Studie von Jiguet et al. (2026) basiert auf einer systematischen Auswertung von sieben Jahren französischer Verwaltungsdaten zur letalen Kontrolle heimischer Wirbeltiere. Ziel war die Quantifizierung des Zusammenhangs zwischen Kontrollintensität und Schadensentwicklung. Die Ergebnisse zeigen konsistent, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Umfang letaler Maßnahmen und der Höhe gemeldeter Schäden nachweisbar ist. Weder erhöhte Abschusszahlen noch intensivere Kontrollprogramme führten zu einer messbaren Reduktion der Schäden. Darüber hinaus weist die Studie auf eine deutliche Diskrepanz zwischen Kosten und Nutzen hin: Die jährlichen Ausgaben für Kontrollmaßnahmen werden mit 103 bis 123 Millionen Euro beziffert, während die erfassten Schäden im Bereich von 8 bis 23 Millionen Euro liegen. Diese Differenz legt eine ökonomische Ineffizienz der untersuchten Maßnahmen nahe.
Übertragbarkeit auf die österreichische Praxis
Die Ergebnisse sind für die österreichische Wildtierpolitik unmittelbar relevant. In der Steiermark wird die Bejagung von Nebel- und Rabenkrähen explizit mit dem Ziel der Schadensreduktion begründet. Die geltende Verordnung sieht eine jährliche Entnahme von 7700 Individuen vor. Da Rabenvögel in der französischen Analyse berücksichtigt wurden, ist davon auszugehen, dass die dort gewonnenen Erkenntnisse grundsätzlich auf vergleichbare Managementkontexte übertragbar sind. Die Studie liefert somit keinen empirischen Beleg für die Wirksamkeit derartigen Maßnahmen zur Schadensreduktion.
Fallbeispiel Wolf: Konsistenz mit nationalen Daten
Ein ähnliches Muster zeigt sich im Kontext des Wolfsmanagements. Der österreichische Statusbericht Wolf 2025 dokumentiert 121 nachgewiesene Individuen sowie 26 tote Tiere, davon 22 im Rahmen regulatorischer Entnahmen. Gleichzeitig wird ein Anstieg der Nutztierschäden im Vergleich zum Vorjahr festgestellt. Damit liefern auch die österreichischen Wolfsdaten keinen Beleg für die politische Standardbehauptung, mehr Abschüsse würden zu weniger Schäden führen.
Diese Beobachtung steht im Einklang mit den Ergebnissen der Studie „Testing a conservation compromise: No evidence that public wolf hunting in Slovakia reduced livestock losses“ von Miroslav Kutal, Martin Duľa, Alisa Royer Selivanova und José Vicente López-Bao (2023) in der Fachzeitschrift “Conservation Letters”: untersucht wurde, ob die legale Wolfsjagd in der Slowakei zwischen 2014 und 2019 zu weniger Nutztierrissen geführt hat. Die Ergebnisse zeigen, dass kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen der Anzahl getöteter Wölfe und der Höhe der Schäden an Nutztieren besteht. Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass die häufig angeführte Begründung, Wolfsjagd diene dem Schutz von Nutztieren, durch die Daten nicht bestätigt wird.
Konzeptuelle Abgrenzung: Letale Kontrolle vs. Prävention
Vor diesem Hintergrund ist die zunehmende Gleichsetzung von Abschussmaßnahmen mit „Herdenschutz“ aus wissenschaftlicher Perspektive problematisch. Herdenschutz umfasst präventive Maßnahmen, die direkt auf die Reduktion von Interaktionen zwischen Wild- und Nutztieren abzielen (z. B. physische Barrieren, Behirtung, Einsatz von Herdenschutzhunden). Letale Kontrolle hingegen stellt eine reaktive Intervention dar, deren Effektivität hinsichtlich der Schadensreduktion empirisch nicht belegt ist. Eine Auswertung von 30 Fallstudien von Treves et al. (2016) identifizierte mehrere nicht-letale Maßnahmen als wirksam zur Reduktion von Wolfsrissen. Aktuelle Übersichtsarbeiten (z. B. Pepin et al. 2025) bestätigen diese Befunde und zeigen eine zunehmende Implementierung und Optimierung solcher Maßnahmen.
Fazit
Die vorliegende Evidenz legt nahe, dass:
- Letale Kontrollmaßnahmen keine verlässliche Strategie zur Schadensreduktion darstellen,
- die Kosten dieser Maßnahmen in keinem angemessenen Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen, und
- präventive, nicht-letale Maßnahmen eine empirisch besser abgesicherte Alternative bieten.
Für die Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Neuausrichtung des Wildtiermanagements. Öffentliche Ressourcen sollten prioritär in Maßnahmen investiert werden, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist.
Quellen
- Jiguet, F. et al. (2026): Ecological and economic assessments of native vertebrate pest control in France. Biological Conservation.
- Land Steiermark: Krähenverordnung (Zielsetzung und Kontingentierung).
- Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs (2026): Statusbericht Wolf 2025. https://baer-wolf-luchs.at/wp-content/uploads/2026/04/2025_Statusbericht_Wolf.pdf
- Eklund, A. et al. (2020): The effectiveness of livestock protection measures against wolves.
- Pepin, K. M. et al. (2025): The expanding use and effectiveness of nonlethal methods for mitigating wolf-livestock conflict
