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Rom lebt mit Wolfsrudeln – Tirol erklärt schon ihre Anwesenheit zum Risiko

  • 5 Min. Lesezeit

Man muss diese beiden Bilder nebeneinanderlegen, um zu verstehen, wie absurd die europäische Wolfsdebatte inzwischen geworden ist.

Rund um Rom leben heute mehrere Wolfsrudel – in einer Metropolregion mit Millionen Menschen, zwischen Vororten, Straßen, Landwirtschaft, Schutzgebieten und intensiv genutzter Kulturlandschaft. Bereits seit 2013 wurde ihre Rückkehr dokumentiert, 2017 gab es Berichte über das erste reproduzierende Rudel im Raum Castel di Guido. Heute sind stabile Rudel nördlich, östlich und südlich der italienischen Hauptstadt bekannt.

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass dort Wölfe leben. Entscheidend ist, wie mit ihnen umgegangen wird. Italienische Fachleute sprechen über Monitoring, Verhaltensbeobachtung, Information der Bevölkerung und darüber, wie Konflikte vermieden werden können. Sie verschweigen mögliche Risiken nicht, unterscheiden aber zwischen bloßer Anwesenheit und tatsächlich problematischem Verhalten.

Der Wolf wird dort weder romantisiert noch dämonisiert. Er wird als das behandelt, was er ist: ein großer Beutegreifer, der in eine europäische Kulturlandschaft zurückgekehrt ist und dessen Verhalten wissenschaftlich beobachtet und gemanagt werden muss.

Tirol: Der Werkzeugkasten scheint nur aus dem Gewehr zu bestehen

In Tirol zeigt sich ein nahezu gegenteiliger Zugang.

Ein „Risikowolf“ ist dort ein Tier, das ein problematisches Verhalten gegenüber Menschen zeigt und dadurch die öffentliche Sicherheit gefährdet. In der Praxis kann aber, nach der seit 2026 geltenden Regelung, bereits ein einmaliger Nachweis im Nahbereich von Ortschaften, genutzten Gebäuden oder Stallungen beziehungsweise auf Viehweiden herangezogen werden und zum Abschuss führen.

Wenn bereits der Aufenthaltsort des Wolfes zum Risikokriterium wird, verlässt man die Ebene einer nachvollziehbaren verhaltensbiologischen Bewertung. Dann bestimmen politische Kategorien zunehmend darüber, was als „gefährlich“ gilt.

Hinzu kommt: seit 1. April 2026 ist eine Novelle des Tiroler Jagdgesetzes in Kraft getreten, mit der der neue § 52b („Sonstige Entnahme von Wölfen“) eingeführt wurde. Von besonderer Bedeutung sind § 52b Abs. 3 bis 5. Damit wurde ein System eingeführt, nach dem Jäger direkt per SMS darüber informiert werden können, dass ein Wolf zum Abschuss freigegeben wurde.

Darüber hinaus konkretisiert die Achte Durchführungsverordnung zum Tiroler Jagdgesetz, die seit dem 11. April 2026 gilt, die Voraussetzungen, unter denen ein Wolf als „schadenstiftendes Tier“ eingestuft werden kann. Dies betrifft insbesondere Wölfe, die ordnungsgemäß geschützte Nutztiere oder ungeschützte Nutztiere in Gebieten töten oder verletzen, in denen Schutzmaßnahmen als nicht möglich angesehen werden.

Im Vergleich zum bisherigen System wurde die Schwelle damit erheblich abgesenkt.

Nach § 52b Abs. 3 lit. a bis c müssten die Behörden feststellen, dass:

  1. tatsächlich ein Schaden oder eine Gefahr im Sinne der gesetzlichen Bestimmungen eingetreten ist;
  2. keine andere zufriedenstellende Lösung besteht; und
  3. die Entnahme entweder den günstigen Erhaltungszustand der Wolfspopulation aufrechterhält oder – sofern der Erhaltungszustand ungünstig ist – diesen nicht weiter verschlechtert und die Wiederherstellung eines günstigen Erhaltungszustands nicht verhindert.

Am 24. August 2026 wurde erstmals im Rahmen dieses neuen Systems ein Wolf in Tirol auf Verdacht mittels SMS-Mitteilung zum Abschuss freigegeben. Unserer Auffassung nach verstößt dieses SMS-basierte Verfahren gegen Art. 16 der FFH-Richtlinie, da die erforderliche individuelle Prüfung nicht vorgenommen wird.

In Rom leben Rudel – in Österreich fürchtet man schon ihre Entstehung

Damit wird der Vergleich beinahe grotesk.

Im Umfeld einer der größten Städte Europas leben mehrere Wolfsrudel. Ihre Reproduktion wird dokumentiert, ihre Ausbreitung verfolgt und ihr Verhalten untersucht.

In Österreich dagegen wird schon die mögliche Etablierung eines Rudels irgendwo in den Alpen immer wieder als Bedrohungsszenario dargestellt.

Dabei ist die Bildung von Rudeln kein problematisches Verhalten des Wolfes, sondern seine natürliche Sozialstruktur.

Wenn bereits die Etablierung eines Rudels zum politischen Schreckgespenst wird, richtet sich die Debatte nicht mehr nur gegen einzelne auffällige Tiere. Dann richtet sie sich faktisch gegen die dauerhafte Existenz der Art.

Und genau das macht den österreichischen Zugang so fragwürdig.

Wissenschaft in Rom – politische Kriterien in Tirol

Der Unterschied könnte kaum deutlicher sein.

In Rom lautet die Frage: Wie verhält sich der Wolf tatsächlich?

In Tirol kann zunehmend entscheidend werden: Wo wurde der Wolf gesehen?

Und in der österreichischen Debatte kommt noch eine dritte Frage hinzu: Könnte er sich hier dauerhaft etablieren?

Damit verschiebt sich Wolfsmanagement von der Beobachtung konkreten Verhaltens hin zur politischen Bewertung der bloßen Anwesenheit einer Tierart.

Welche konkrete Gefährdung eines Menschen liegt vor, wenn ein Wolf über eine Viehweide läuft? Welche Verhaltensauffälligkeit wurde festgestellt? Welche Habituierung? Welche Aggression?

Wenn diese Fragen nicht beantwortet werden müssen, bevor ein Wolf in eine Risikokategorie gerät, wird der Begriff „Risikowolf“ fachlich immer schwerer nachvollziehbar.

Der eigentliche Glaubwürdigkeitsverlust

Während in und um Rom die Wissenschaft die führende Rolle spielt, entsteht in Österreich zunehmend der Eindruck, dass politische Zielsetzungen die fachliche Bewertung ersetzen.

Das gilt besonders dort, wo Kriterien geschaffen werden, die mit tatsächlich nachgewiesenem gefährlichem Verhalten nur noch wenig zu tun haben.

Wenn ein einmaliger Nachweis auf einer Viehweide ausreicht, um einen Wolf in die Nähe einer Risikokategorie zu bringen, dann ist das für Bürgerinnen und Bürger kaum nachvollziehbar. Und noch weniger ist es auf europäischer Ebene plausibel, wenn andere Länder mit denselben Tieren, denselben biologischen Eigenschaften und deutlich dichter besiedelten Räumen völlig anders umgehen.

Der Wolf in Rom ist biologisch kein anderer als der Wolf in Tirol. Er verändert an der Staatsgrenze weder seine Ethologie noch seine Gefährlichkeit.

Wenn rund um eine Millionenstadt Wolfsrudel wissenschaftlich begleitet werden können, während Österreich bereits die mögliche Etablierung eines Rudels in den Bergen zum Schreckensbild erhebt, dann sagt dieser Gegensatz irgendwann weniger über den Wolf als über die Qualität der politischen Debatte aus.

Und genau damit verspielt Österreich seine Glaubwürdigkeit – national wie international.

Nicht weil ein tatsächlich gefährlicher Wolf niemals entnommen werden dürfte.

Sondern weil politische Definitionen zunehmend wissenschaftliche Kriterien ersetzen.

In Rom lautet die Frage: Was sagt uns die Wissenschaft über dieses Tier?

In Österreich lautet die politische Antwort zunehmend: Wie können wir es möglichst schnell zum Risiko erklären?

Und wenn Wissenschaft dabei nur noch eine Nebenrolle spielt, verliert nicht der Wolf an Glaubwürdigkeit.

Dann verliert das Wolfsmanagement selbst seine Glaubwürdigkeit.

Quelle:

Immer mehr Wölfe rund um Rom: So sollen sie sich nützlich machen https://www.abendblatt.de/panorama/article412991347/immer-mehr-woelfe-rund-um-rom-so-sollen-sie-sich-nuetzlich-machen.html?fbclid=IwRlRTSAUB_V9wZG9mAWZkaWQWUNgn33pA_kHh7oKeEbaFezX56jujOGV4dG4DYWVtAjExAHNydGMGYXBwX2lkCjY2Mjg1NjgzNzkAAR7MT8rVtaXnaqFSBexKz8LtmAUey406zdAQNVmpYMlkpS74w50OYylQGzB4DA_aem_mS3AAiBVAhm3Fgua976rIA

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